Die Großmütter wollen nach Hause
Im Ethnologischen Museum Berlin liegen Steine, die keine sind. Für die Yanakuna in San Agustín, Kolumbien, sind das ihre Großmütter. Sie gehören zu einem lebendigen Territorium aus Quellen, Flüssen und Bergen – und werden dort bis heute vermisst. Der Ethnologe Konrad Theodor Preuss grub die Skulpturen ab 1913 im Süden Kolumbiens aus und brachte sie nach Berlin. 23 Steinskulpturen aus San Agustín und Briceño sind im Museum noch erhalten, ebenso sechs Köpfe weiterer Skulpturen.
Wer nach ihrer Rückkehr fragt, stellt keine bloße Verwaltungs- oder Eigentumsfrage. Es geht um einen grundlegenden Perspektivwechsel: Sind diese Steine nur Objekte, die wir betrachten und ausstellen – oder sind sie selbst Subjekte, die uns ansehen, Beziehungen eingehen und Teil einer lebendigen Welt sind?

Am 13. November ist die kolumbianische Delegation von SIN TEMER („Ohne Angst“) zu Gast im Lovelab Dreamspace. Ihre Mitglieder begleiten seit Jahren den Prozess der Rematriierung der Steinernen Großmütter. An diesem Abend kommen Vertreter:innen der Misak Misak und der Yanakuna, der zivilgesellschaftlichen Initiative, die die Rückkehr begleitet, sowie von AISO, einer Bewegung für die politische Selbstbestimmung indigener Gemeinschaften im Südwesten Kolumbiens, mit dem Publikum ins Gespräch. Die Plätze sind begrenzt, eine Voranmeldung ist erforderlich.
Wer schaut uns aus der Landschaft an? Wen betrachten wir in den Vitrinen des Museums?
Im Zentrum stehen die Beziehungen zwischen den Steinernen Großmüttern, den Wesen der Gewässer und den anderen menschlichen und nicht-menschlichen Lebensformen eines indigenen Territoriums. Welche Ökosysteme und Gleichgewichte hängen mit ihrer Rückkehr zusammen? Und welche Formen von Gegenseitigkeit und Verantwortung können entstehen, wenn wir diesen Wesen zuhören, statt sie auszustellen?
Der Abend beginnt mit zeremoniellem Kakao. Anschließend öffnet sich ein Círculo de Palabra y Escucha – ein Kreis des Wortes und des Zuhörens. Statt Vorträgen geht es um das Teilen von Erfahrungen und das gemeinsame Entwickeln von Fragen.
Begleitet wird der Kreis von einem Videomapping des Künstler:innenkollektivs Posmonumenta/Videocrática auf den freien Wandflächen und den mobilen Tafeln des Projekts Posmuseo. Seit 2020 hat das Kollektiv mit seinem muralismo fotónico mehr als sechzig Interventionen im öffentlichen Raum realisiert, die sich mit Erinnerung, kolonialem Erbe und umkämpften Denkmälern auseinandersetzen – unter anderem in Bogotá und am Nationalmuseum Kolumbiens. Im Lovelab treffen die Lichtprojektionen auf die Traumlandschaften von Banu Birecikligil. Ihre Ausstellung »Wie fühlt sich eine Nymphe?« ist DREAM 7 des Lovelab Dreamspace und steht unter dem Thema Bewusstsein. Damit stellt sich die Frage des Abends noch einmal anders: Wo beginnt Bewusstsein, und wem sprechen wir es zu – einem Menschen, einer Nymphe, einem Stein? Außerdem wird ein Kurzfilm von SIN TEMER gezeigt.

Für das Lovelab knüpft die Veranstaltung an eine Auseinandersetzung an, die nicht erst mit der Ausstellung zur Kunst und Kosmologie der Shipibo begonnen hat: an indigene Wissenssysteme, die weit über ethnografisches Material hinausgehen, und an eine Vorstellung von Lebendigkeit, die der Biologe und Philosoph Andreas Weber als Indigenialität beschreibt. Kultur wird dabei als Beziehung zu allem Lebendigen verstanden – auch zu jenen Wesen, die eine museale Logik längst für tot erklärt hat.
19:30–21:30 Uhr · Einlass ab 19:20 Uhr
Lovelab Dreamspace, Pappelallee 25, 10437 Berlin
Sprache: überwiegend Spanisch, mit Verdolmetschung ins Englische
Begrenzte Plätze, Voranmeldung erforderlich: info@lovelab.berlin
Ablauf
19:30 – Begrüßung durch Tim Ra, zeremonieller Kakao und Beginn des Videomappings
19:35 – Kurzfilm von SIN TEMER
19:42 – Einführung durch Julián Santana-Rodríguez
19:50 – Círculo de Palabra y Escucha mit der kolumbianischen Delegation
20:50 – Gespräch mit dem Publikum, moderiert von Tim Ra
21:20 – Abschluss
Mit: Jhon Alirio Córdoba Quinayas, Carla Isabel Espinosa Muñoz, Martha Jeannette Gil Gómez, Indy Piapya, Marleny Deli Yalanda Cuchillo, Adriana María Velasco Muelas und Julián Santana-Rodríguez.
Eine Veranstaltung im Rahmen von SIN TEMER 2026 – Rematriierungen und Re-Existenzen (Fundación Colectiva El Cruce / Posmonumenta / Videocrática).
Weitere Termine von SIN TEMER in Berlin
So, 8.11., 12–19 Uhr · Spore Initiative, Hermannstraße 86, 12051 Berlin
Di, 10.11., 15–20 Uhr · Spore Initiative
Fr, 13.11., 16–18 Uhr · Babylon, Rosa-Luxemburg-Straße 30
Sa, 14.11., 19:30–21:30 Uhr · SAVVY Contemporary, Reinickendorfer Straße 17, 13347 Berlin
Di, 17.11., 15–19 Uhr · SAVVY Contemporary