Die späte Rache an 1968
Springer, Poschardt, Peter Thiel und der Abschied vom demokratischen Nachkriegskonsens
Aus dem einst national-konservativen Springer Verlag ist ein Akteur der internationalen neuen Rechten geworden. Ulf Poschardts Kampfschrift gegen das »Shitbürgertum« steht exemplarisch für den Kulturkampf gegen das langjährig linksliberal dominierte Bildungs- und Kulturbürgertum. Dabei erodieren ausgerechnet jene Grundsätze, auf die Springer einst sein Selbstverständnis gründete: liberale Demokratie, soziale Marktwirtschaft, transatlantische Bindung und eine besondere Verantwortung gegenüber Israel und den Juden. Springers späte Rache an 68 ist so zugleich weit mehr als ein bloßer Kulturkampf: Sie markiert den Übergang eines Teils des bürgerlichen Establishments von der Verteidigung der liberalen Demokratie zu ihrer Demontage.
1967/68 war Springer nicht irgendein Gegner der Studentenbewegung, sondern ihr Gründungsfeind. »Enteignet Springer«, die Blockaden der Bild-Auslieferung nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, der berechtigte Vorwurf, das Blatt habe das Klima für die Gewalt mitbereitet: Der Verlag wurde zum Inbegriff des Rückwärtsgewandten. Die kulturelle Hegemonie wanderte parallel nach links, in Pop, Kunst, Universität und Feuilleton, und blieb dort ein halbes Jahrhundert. Springer blieb mächtig, aber uncool. Im Hochhaus an der heutigen Rudi-Dutschke-Straße hat man diese Demütigung nie vergessen.

Mit dem Aufstieg von MAGA und einer weltweiten rechtspopulistischen Bewegung bietet sich heute die Gelegenheit zur Revanche. Gewiss geht es der neuen Rechten auch um einen Rollback der gesellschaftlichen Liberalisierungen seit den Sechzigern und um ein wirtschaftspolitisches »Anything Goes«. Doch das Moment der Rache ist unübersehbar: Sie richtet sich gegen die kulturellen Eliten, gegen ihre Sprache, ihre Moral und ihren Lebensstil. Poschardts »Shitbürgertum« führt das exemplarisch vor. Der Begriff zielt auf das grün-akademische Milieu, das in dieser Lesart die Codes der Respektabilität bestimmt. Angegriffen wird weniger eine Politik als eine soziale Klasse und ihre kulturelle Selbstgewissheit. Revanchismus, wie er im Buche steht.
Ulf Poschardt ist dafür die aufschlussreichste Figur. Er begann als kenntnisreicher und differenzierter Autor mit gut recherchierten Büchern über DJ Culture und Coolness. Heute setzt er auf lautstarke Provokation, erklärt die Abgrenzung von rechter Hetze zu einer Macht-Strategie der Linken und sich selbst zum Punk. Man kann das als Bruch lesen; interessanter ist die Kontinuität. Coolness war für Poschardt immer eher Distinktionstechnik als jenes »coole Wissen«, das die Spex einst in progressiver Politik verortete. Sie richtet sich gegen den Mainstream, den Spießer, das Angepasste. Ist der Spießer im eigenen Weltbild links-grün, zeigt dieselbe Geste nach rechts. Die Logik der Abgrenzung bleibt, nur der Gegner wechselt. Die einst politisch progressiv codierte Coolness verkommt dabei zur Beliebigkeit, bis das Rocker-Kostüm selbst zum letzten Argument wird.
Dabei hatte Springer sich zu Beginn des Jahrtausends noch an die veränderte Kulturlandschaft angeschmiegt. Unter Döpfner und Kai Diekmann gab sich das Haus poppig und lifestyle-orientiert, von »Wir sind Papst« bis zu den Musik- und Jugendformaten im Portfolio. Doch das war eher eine Latenzphase. Spätestens 2010 zeigte sich die andere Richtung: Bild machte Stimmung gegen die »Pleite-Griechen«, und Springer verstärkte Thilo Sarrazins rassistische Thesen publizistisch nach Kräften.
Einen entscheidenden Unterschied zu 1968 gibt es allerdings. Axel Springer war national-konservativ, christlich und paternalistisch, aber nicht neoliberal. Bild sprach den »kleinen Mann« an, nicht den libertären Unternehmer. Marktradikale Ideen existierten längst, in der Mont-Pèlerin-Gesellschaft wie im Ordoliberalismus, waren aber in den westdeutschen Nachkriegskonsens eingebettet. Dominant wurden sie schleichend erst seit Thatcher und Reagan.
Am 24. September 2026 verabschiedete sich Springer endgültig vom demokratischen Nachkriegskonsens und verlieh Peter Thiel den Axel Springer Award. Thiel schrieb bereits 2009, er glaube nicht mehr an die Vereinbarkeit von Freiheit und Demokratie. Daraus entwickelte er, begleitet von irren Schwurbeleien über den Antichristen, eine libertäre Vision, deren Ziel der endgültige Ausstieg aus den Mühen von demokratischer Politik ist, von Seasteading bis zu privaten, autonomen Gemeinwesen unter Führung von CEO-Königen, wie sie der von Thiel geförderte Vordenker Curtis Yarvin propagiert. Zugleich ist er Mitgründer von Palantir, jenem Unternehmen, das Springer in der Preisbegründung als wichtig für die »Resilienz von Demokratien« rühmt. Darin liegt die bizarre Pointe: Ein Verlag, der sich auf die Verteidigung der westlichen Demokratie beruft, ehrt einen Mann, dessen politische Vision auf ihre Abschaffung zielt.
Die alte transatlantische Treue war einst eine Bindung an den Westen, an liberale Demokratie, soziale Marktwirtschaft und Antikommunismus. Heute ist sie faktisch Treue zum Trump-Lager.
Ähnliches gilt für eine zweite Säule des Hauses. Nach der Shoah schrieb Axel Springer die Aussöhnung mit den Juden in seine Verlagsgrundsätze. Das war auch ein Gegenentwurf zu einer Rechtspresse vom Schlage Hugenbergs, die in der Weimarer Republik der NS-Hetze den Boden bereitet hatte, und es gehört zu den großen Leistungen des Hauses.
Heute ist die einstige Brandmauer verkommen. Sie dient nicht der Abwehr einer AfD mit einer langen Liste antisemitischer Ausfälle, sondern der Verteidigung der israelischen Regierung, in der Rechtsextreme wie Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich Schlüsselressorts führen. Gegen ihren Chef Benjamin Netanjahu hat der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehl erlassen, wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter das Aushungern der Zivilbevölkerung als Methode der Kriegsführung. Die Unterscheidung zwischen dem Existenzrecht Israels und den seiner Regierung vorgeworfenen Kriegsverbrechen, auf der jede ernsthafte Solidarität beruht, wird dabei eingeebnet, während muslimische Menschen unter Generalverdacht gerückt werden.
Wer demokratische Werte verteidigt, muss Antisemitismus, Islamismus und jede Form politischer Gewalt gleichermaßen benennen. Aber nicht um den Preis, dass Verachtung zur diskursiven Strategie wird. Springer zahlt diesen Preis bereitwillig: Empörung, Zuspitzung und die Erniedrigung des Gegners funktionieren auf den digitalen Plattformen nun einmal besser als jedes differenzierte Argument. Hier fügt sich Springers Creator-Strategie ein: Schwindende Auflagen werden durch Persönlichkeiten wie Poschardt ersetzt, die ihre radikalisierte Anhängerschaft über alle digitalen Kanäle mobilisieren. Das eigentliche Produkt des Hauses ist, wieder einmal, die Entmenschlichung des politischen Gegners – wie derzeit nach dem Berliner Wahlerfolg der Linken zu beobachten ist.
Doch das ist nicht das Ende der Geschichte. Orbán ist abgewählt, Trumps Stuhl wackelt, und Friedrich Merz ist, auch dank seiner asozialen Politik und Rhetorik, so unbeliebt wie kein Kanzler vor ihm. Es wird energischen Widerstand brauchen, um unsere Gesellschaften wieder auf einen zukunftsoffenen Kurs zu bringen, der Solidarität für alle Menschen in unserer Gesellschaft beinhaltet. Doch selbst Springer wird sich von seinen neuen Freunden abwenden, wenn sich erst einmal der Wind dreht. Offen ist nur, wie tief uns das neurechte, ja: Shitbürgertum diesmal in die Scheiße reitet, bevor es seine reaktionäre Revolte als das erkennt, was sie ist: eine moralische und intellektuelle Bankrotterklärung. Time is on our side.