»Wie fühlt sich eine Nymphe?«
Ein Werkstattgespräch mit Banu Birecikligil über innere Landschaften, abgehackte Hände und das Bewusstsein der Eidechsen
Banu Birecikligil malt seit dreißig Jahren Traumlandschaften, in denen sich Mensch, Tier und Mythos überlagern: Menschen begegnen dort Meerjungfrauen, Walen, Löwen und Katzen, Eidechsen erscheinen ebenso wie Nymphen und Satyrn, und immer wieder tauchen Figurationen der Künstlerin selbst auf. Ihre Wälder, Vegetationen und Städte sind dabei weniger reale Orte als Bewusstseinszustände.
Ausgangspunkt dieses Gesprächs ist ihre neue Struwwelpeter-Reihe, ab dem 3. Oktober im Lovelab Dreamspace in Berlin zu sehen. Bei ihr wird die Figur zum Bild eines unglücklichen Bewusstseins: Schwere, Angst, Erschöpfung, Selbstzweifel, das Gefühl, im eigenen Leben festzustecken. Das schwarze Wasser, das einem im Türkischen sprichwörtlich in die Beine fließt, wird zur Metapher dafür — für eine Lähmung, die im eigenen Körper beginnt.
Es ist eine Lähmung, die auch aus ihren älteren Bildern spricht. Kassandra, die alles vorher weiß und der niemand glaubt, trägt abgehackte Hände auf dem Kopf. Eine Meerjungfrau vom Berliner Flohmarkt hat statt Armen zwei Drähte. Ein Selbstporträt heißt »Ohnmacht«. Es ist immer wieder dieselbe Figur: eine Frau, die sieht und weiß — und trotzdem nicht handeln kann. Dahinter steht die Geschichte unterdrückter weiblicher Stimmen: von den Zeichnerinnen des 18. Jahrhunderts, denen nur die botanische Illustration als Gestaltungsmedium offenstand, bis zu Marilyn Monroe, deren Intelligenz erst nach ihrem Tod wahrgenommen wurde.
Von hier aus ist es kein weiter Weg zu den größeren Fragen. Wer so genau beschreiben kann, wie es sich anfühlt, im eigenen Bewusstsein festzustecken, fragt irgendwann, wie sich eines anfühlt, das nicht entfremdet ist. Wie nimmt eine Eidechse die Welt wahr? Eine Katze? Ein Zwischenwesen: ein Satyr, eine Nymphe?
Tim Ra hat Banu Birecikligil in ihrem Atelier in Bodrum besucht.
Das schwarze Wasser
RA Deine neue Serie hat mit dem Struwwelpeter zu tun, unverkennbar durch die langen Fingernägel.
BANU Der Struwwelpeter hat sich nie gewaschen, wollte nie die Fingernägel schneiden lassen, wurde immer struwweliger. Er hat aufbegehrt und sein Ding gemacht.
RA Der Struwwelpeter gilt in Deutschland als Manifest der schwarzen Pädagogik, wie Katharina Rutschky und Alice Miller es nannten. Er steht für eine Form der Erziehung, die über Erniedrigung läuft. Für die schwarze Pädagogik ist er das Antibild. So, wie das Kind nie werden soll, so ist der Struwwelpeter. Ein abschreckendes Beispiel.
BANU Ich hatte ihn seit einer Weile im Kopf. Nicht von der pädagogischen Seite her. Ich hatte so ein Gefühl des Verkommens im eigenen Körper oder in der eigenen Seele. Ich hatte eine schwierige Phase, in der ich mich ziemlich schwarz gefühlt habe. Sehr schwer, bleischwer. Es gab viel Stress, und ich hatte Schilddrüsenprobleme. Ich konnte nicht schlafen oder wachte mitten in der Nacht panisch auf. Und all diese Schwermut, die auf mir lastete. Dafür gibt es eine türkische Metapher: das schwarze Wasser fließt einem in die Beine. Ich hatte das Gefühl, das Blut ist wie eine schwarze Flüssigkeit, etwas schwer Fließendes. Ich fühlte mich so schwer, und es zog mich nach unten. Und ausweglos — ich wusste nicht nach vorne, ich wusste nicht zurück. Es gab mir dieses Gefühl des Steckenbleibens.
RA War das eine bestimmte Zeit?
BANU Das war nach der Covid-Zeit. Seit letztem Jahr, seit der Trennung von meinem Partner, fühle ich mich viel besser. Man hat ja so Phasen im Leben, und solange ich in der Phase stecke, entstehen Bilder in mir. Ideen, die sich mit der Zeit zu einem Symbol kristallisieren und dann zu einem Teil meiner Malerei werden.
RA Was ist das links und rechts auf der neuen Serie für eine Pflanze?
BANU Eine, die es hier in der Umgebung gibt. Sie riecht schrecklich nach Verfaultem, sie symbolisiert den Tod, und sie ist giftig. Der Aronstab, Arum dioscoridis.
RA Und diese schwarzen Adern sind die Schwere, von der du erzählt hast.
BANU Genau, das war die Idee. Es heißt ja in der Esoterik, dass die Seele sich im Blut befindet, durch den Körper zieht und sich im Herzen sammelt. Und diese Schwermut hat sich wirklich so angefühlt, als wäre das rote oder blaue Blut schwarz und schwer geworden wie Blei. Das hat mich auch an die Pechmarie erinnert. Dieses schwarze, schwere Blut, die Flüssigkeit, die wie Pech herunterfließt und sich in einem Teich sammelt.
RA Einige Wochen, bevor ich mich von meiner damaligen Partnerin getrennt habe, waren wir verreist. In der Nacht habe ich geträumt, wie ich mich selbst vergifte, wie mir eine schwarze Flüssigkeit durch die Adern läuft. Das ist genau das Gift, das ich in deinen Struwwelpeter-Bildern sehe.
BANU Das ist krass.
»Ich finde Sprache zu direkt«
RA Deine Bilder haben immer etwas von Traumlandschaften. Mit zahlreichen symbolisch wirkenden Tieren und Personen. Man sieht sofort: Das ist eine Innenwelt, die man von außen betrachten darf.
BANU Ich male oft Figuren in Landschaften, eigentlich der Seelenlandschaft. Der Wald war für mich immer ein symbolisches Bild, auch im Zusammenhang mit Märchen. Mir ging es schon immer um die Innenwelt und darum, eine Sprache zu entwickeln, um sie zu erläutern. Meine Sprache besteht aus Bildern, weil ich das Geschriebene, das Gesprochene, zu direkt finde. Ich finde es schwierig, etwas so präzise festzulegen, weil ich oft das Gefühl habe, dass durch diese Festlegung alles seinen Sinn verliert.
RA Sprache macht oft Sachen eindeutig, die eigentlich mehrdeutig sein wollen. Es gibt eine Art zu sprechen, die die Dinge festnagelt: Das ist oben, das ist unten, diese Schublade, jene Schublade. Und dann ist man in der Enge, in der man nicht mehr schöpferisch sein kann, weil man die ganze Zeit überlegt, in welcher Schublade man gerade steckt.
BANU Wenn ich gut darin wäre, mich mit Worten auszudrücken, würde ich es vielleicht mit Poesie machen. Die Poesie hat etwas Offenes, Vieldeutiges. Immer, wenn ich versuche, etwas zu erklären, werde ich didaktisch, und das engt mich selber ein. Die Bilder dagegen kommen in ganz verschiedenen Formen: in Träumen, in Visionen, in Symbolen und Metaphern. Es ist eine Art Puzzle, wo ich am Anfang noch im Nebel stecke und mir irgendwo etwas herausgreife, um mich daran zu klammern. Manchmal weiß ich gar nicht, was mich angezogen hat. Und hinterher merke ich, dass ich um dieses eine Symbol herum viel von mir selber sehen kann — und vom kollektiven Unterbewusstsein, ohne dass ich versucht hätte, etwas auszudrücken.
RA Das klingt wie eine Forschungsarbeit.
BANU Es formt sich mit der Zeit eine eigene Mythologie. Man muss die Symbole ja nicht so benutzen, wie sie im kollektiven Unterbewusstsein definiert wurden. In jeder Kultur, in jedem einzelnen Menschen wachsen eigene Bilder heran, mit den Assoziationen, die man zur eigenen Geschichte hat. Ich hatte das Glück — was ich in meiner Kindheit vielleicht nicht so empfunden habe —, zwischen den Kulturen aufzuwachsen. Eine Synthese zusammenbringen zu können, ohne mich an eine bestimmte Kultur anhängen zu müssen. Das gibt einem die Freiheit und einen reichhaltigen Pool, mit dem man arbeiten und den man mit der eigenen Symbolik verbinden kann.
Auf Papier

RA In welchem Stadium befindet sich das Struwwelpeter-Bild? Ist es eine Skizze, oder schon nah an dem, was entstehen soll?
BANU Ich arbeite gewöhnlich auf Leinwand, und Öl ist eine ganz andere Arbeitsweise. Du malst, du übermalst, du machst was weg, du fügst was hinzu. Für den Struwwelpeter wollte ich auf Papier arbeiten, und da musst du die Transparenz einrechnen, du kannst nicht so gut übermalen. Es wird alles zeichnerischer, bedachter, ein bisschen illustrativ.
RA Eine neue Herangehensweise.
BANU Ich dachte an die Illustratorinnen des 17., 18. und 19. Jahrhunderts. Frauen, die malerisch und wissenschaftlich begabt waren, hatten ja nicht viele Genres, in denen sie sich ausdrücken konnten. Viele haben Insekten- und Botanikbilder gemacht, wissenschaftlich korrekte Malereien, Zeichnungen, Drucke. Das war ein Bereich, wo sie sich gesellschaftlich einordnen und etwas Schöpferisches machen konnten. Und es gibt ganz viele, die großartige Werke geschaffen haben. Ich wollte mich da hineinfühlen — die Pflanze wirklich zeichnerisch und ein bisschen wissenschaftlich angehen. Was ich normalerweise nicht mache, ich mag es eher flächenhaft und naiv.
Mein Vater war Arzt und Chirurg. Ich habe seine ganzen chirurgischen Bücher und Bildbände noch, und daraus habe ich diese Zeichnungen gemacht. Die Pflanze hier rechts hat einen Augapfel. Das ist keine Blume, das ist ein seziertes Auge, eine medizinische Zeichnung. Das Auge habe ich oft verwendet, als Auge mit Flügeln wie ein Seraphim-Engel oder als Eidechse mit Augenkopf. Für mich ist es das Symbol für das höhere Bewusstsein.
Der Hintergrund kommt noch. Und ich denke, dass ich noch Insekten und Eidechsen hinzufügen werde. Aber wenn ich mir klassische illustratorische Eidechsen anschaue, ist mir das zu nachgeahmt. Vielleicht werden es Insekten mit Gesichtern oder Eidechsen mit Augenköpfen, was ich früher schon benutzt habe. Ich werde da noch meine eigenen mythologischen Kreaturen einarbeiten.
RA Es ist ein Triptychon.
BANU Ja, aber sie sollen jeweils für sich stehen können. Ich verwende kleine Figuren, kleine Geschichten, die das aus dieser wissenschaftlichen Art in meine Welt zurückbringen. Ich versuche vorsichtig zu sein, weil alles, was einmal aufs Papier kommt, nicht mehr weggeht. Aber ich habe auch eine Ruhe darin gefunden, langsam zu arbeiten. Mit Öl auf Leinwand ist es für mich eher ein Schlachtfeld — mit mir und dem Medium. Da denke ich in Schichten und bin nie zufrieden mit der ersten. Auch nicht mit der zweiten, manchmal nicht mit der dritten.



Die Hellseherin, der niemand glaubt

RA Gibt es Symbole, die dich über die Jahre begleitet haben?
BANU Ich mag es nicht, mich auf spezifische Figuren festzulegen. Ich habe ganz naiv angefangen, meine eigenen Bilder zu finden, und erst im Nachhinein gesehen, dass sie das kollektive Unterbewusstsein auf meine Art ausdrücken. Aber es gibt schon einige Themen. In meiner vorvorletzten Ausstellung zum Beispiel die Kassandra, die Hellseherin, der niemand glaubt.
RA So fühle ich mich auch manchmal.
BANU Damals habe ich mich genauso gefühlt. Es ist schön, wie einzelne Sachen zusammenkommen — das Kassandra-Buch von Christa Wolf, das ich vor Ewigkeiten gelesen habe, kam wieder in mein Gedächtnis, und ich dachte: Das hatte ich damals gar nicht richtig verstanden. Dieser Fluch der Hellsichtigkeit, dass dir einfach niemand glaubt. Du siehst das Chaos, du möchtest dein Wissen teilen. Das heißt ja nicht, dass man alles besser weiß, aber dieser Zustand der Ignoranz ringsum…
RA Was war damals los? Warum hast du dich ohnmächtig gefühlt?
BANU Ich hatte das Gefühl völliger Hilflosigkeit, das Gefühl, nichts unternehmen zu können. Auf dem Bild sind Städte in Flammen. Darüber die Augen des hohen Bewusstseins, wie die Seraphim-Engel dargestellt werden. Und die Stärke, der Tiger und der Löwe. Aber eben auch die abgehackten Hände.
RA Auf dem Kopf. Krass. Das ist nicht Teil der traditionellen Symbolik, sondern deine eigene Fantasie.
BANU Meine eigene, genau. Aber ich habe mich auf Kassandra bezogen. Ich habe damals nicht direkt daran gedacht, aber diese brennende Stadt könnte ja auch Troja sein, das trotz ihrer Warnungen erobert wird, und alle sterben. Ich konnte damals meine naiven und gut gemeinten Warnungen nicht an einen Mann bringen, und daraufhin ist das, was ich mit ihm in meinem Leben aufbauen wollte, zerbröckelt.
»Das ist das Patriarchat«

RA Wir haben davon gesprochen, dass du innere Landschaften visualisierst.
BANU Ich lasse das Porträt sich selbst kreieren. Meine Vorlage war hier ein Kindheitsbild von Marilyn Monroe, ein Schwarz-Weiß-Foto, wo sie vor ihrem Elternhaus hockt.
RA Das erklärt die konservative, mädcheninternatsmäßige Kleidung. Vierziger Jahre wahrscheinlich.
BANU Aus der Zeit. Man sucht sich eine Vorlage ja nicht nur wegen der Haltung des Körpers heraus. Dieses Haus, das in einer leuchtenden Kristallkugel hängt, reduziert auf einen kaputten Würfel — die zerbrochene Kindheit verkörpert in einer Zauberkugel. Aber es ist kein Porträt von ihr, es ist ein Innenbild. Und diese karge Landschaft um sie herum steht für das Gefühl von Isoliertheit.
RA Erst in den letzten Jahren ist in der öffentlichen Debatte zur Geltung gekommen, wie hochintelligent Marilyn Monroe war. Zu ihren Lebzeiten war das nicht Teil ihres Images, sie war die ein bisschen dümmliche blonde Sexbombe.
BANU Ich habe damals eine Biografie von ihr gelesen. Ich fand es sehr tragisch, wie sehr sie auf diese Idol- und Sexbomben-Figur reduziert wurde. Sie wollte da rauswachsen, sich wirklich als Schauspielerin zeigen und Respekt bekommen, aber sie konnte aus diesem Zwang einfach nicht ausbrechen.
RA Diese Reduktion war gesellschaftlich normalisiert worden. Bei vielen weiblichen Idolen dieser Epoche stand das im Vordergrund, und Intelligenz war eher störend. Da fällt mir auch Hedy Lamarr ein.
BANU Auch eine Geniefrau, Wissenschaftlerin eigentlich, und immer noch sehr unbekannt. Es ist unglaublich, wie mir im Lauf der Zeit klar geworden ist, wie viele unterdrückte weibliche Stimmen es gab. Ich hatte mit sechzehn, siebzehn von unserer Englischlehrerin ein Buch geschenkt bekommen, ein feministisches, das die Geschichte der Frau darstellt. Es war krass, als junge Frau zu sehen, was in unserer Geschichte tatsächlich los war. Diese gesellschaftliche Rolle, die einem zugedacht wird, ist ja ziemlich verinnerlicht. So verinnerlicht, dass man selbst Schwierigkeiten hat, sich da herauszudenken. Man braucht Zeit, um sich in sich zu emanzipieren, auch als Künstlerin. Während meines Studiums lernten wir: Die meisten Künstler sind nun mal Männer.
RA Was ja auch stimmte — nur die Ursache wird nicht mit ausgesprochen. Dass es unterdrückte Stimmen waren, dass es nicht erwünscht war, dass Frauen Einfluss haben und eine eigene Stimme. Genau das steckt ja auch in deinem Kassandra-Motiv: die Frau, die alles vorher weiß, und niemand hört ihr zu. Das ist das Patriarchat.
BANU Und dieses Abwerten der Frau als Verrückte, als Hysterische. Es ist eine Tragödie, was viele Frauen durchmachen mussten. Das macht einen wütend.
Ein Wal in Istanbul

BANU Das bin ich und mein Papa, im Naturkundemuseum in London. Wir haben so viele Familienfotos aus der Zeit. Das Bild entstand später — es ist eines der ersten, die ich gemalt habe, als ich aus Berlin nach Istanbul zurückgezogen bin. Eine Stadtlandschaft, gemischt mit Erinnerungslandschaft und Gefühlen von Zugehörigkeit.
RA Es sind keine Londoner Busse.
BANU Nein, Istanbuler. Und das ist eine türkische Autobahn. Nur der Wal stammt aus dem Naturkundemuseum. Ich bin damals in der Peripherie von Istanbul herumgelaufen und habe die Stadt fotografiert, die vor zwanzig Jahren zunehmend größer wurde. Man gewöhnt sich im Lauf der Zeit daran — nein, man gewöhnt sich nicht daran, aber irgendwann…
RA Man nimmt es nicht mehr wahr.
BANU Man möchte es nicht mehr wahrnehmen. Damals hatte ich noch das Auge von außen. Zehn Jahre in Berlin — und dann die Frage, was die Heimatstadt eigentlich ist, was sie geworden ist, und nicht mehr dieses alte Bild, das ich aus meiner Jugend hatte. Dieses Displacement des Wals mitten in der Stadt, dieses Hineingesetztsein, das drückt etwas aus.
RA Und was repräsentiert der Wal?
BANU Das Urwissen vielleicht. Der Wal gibt mir das Gefühl von arkanem Urwissen, das uns heutzutage nicht sehr zugänglich ist. Ähnlich wie das Krokodil in manchen meiner Bilder. — Hilf mir mal bei einem Wort: displacement.
RA Verlorenheit ist ein Aspekt davon. Am falschen Ort sein. In Deutschland hießen die Camps nach dem Krieg DP-Camps, für displaced persons.
BANU Displaced ist das Wort, das ich für diese Empfindung wählen würde. Auf Deutsch gibt es nur so komische Worte wie »Heimatvertriebene«.
RA Entwurzelung ist ein weiterer Aspekt davon.
BANU Ja, oder dieses Brüchige. Dieses Gefühl einer Figur an einem Ort, die eigentlich nicht dazugehört.
RA Du siehst auf dem Bild ein bisschen zornig aus, mit den Händen in der Hose.
BANU Ich hatte damals einen rot-blauen Pullover. Da stand drauf: my name is nobody. Das habe ich nicht mit auf das Bild gemalt. Und ich glaube, so habe ich mich einfach gefühlt. Dabei liebte ich dieses Naturkundemuseum. Meiner Erinnerung nach habe ich mich da sehr wohl gefühlt. Aber ich hatte tatsächlich diesen skeptischen Gesichtsausdruck. Vielleicht eher so: Was machen wir jetzt mit diesem Wal hier in dieser Stadt? Wieso sind wir auf einmal hier gelandet? So hingebeamt.
RA Wo wart ihr in Deutschland zu Hause?
BANU In der Nähe von Kassel, ein kleiner Ort, Eschwege. Da bin ich aufgewachsen. Auf einem anderen Bild sitzen wir dort im Garten — da kann es sein, dass ich ein bisschen wütend auf meinen Vater war. Da habe ich sein Gesicht nicht gemalt.
RA Warum wütend?
BANU Ich bin nicht mehr wütend auf ihn. Aber nach dem Umzug in die Türkei, als ich zwölf war, durfte er zwei, drei Jahre nicht arbeiten, weil seine Ausbildung nicht anerkannt wurde. Das hat ihn total krank gemacht. Wir hatten finanzielle Schwierigkeiten. Es war sowieso nach dem Putsch 1980 eine schwierige Zeit. Mein Vater wurde immer verschlossener und aggressiver und trauriger, und dieses Gefühl hat sich auf meine Pubertät gelegt. Die Achtziger waren ziemlich depressiv für unsere Familie.
RA Wieso wollte er ausgerechnet in dieser Zeit zurück in die Türkei?
BANU Es war einfach das Heimweh, sie hatten schon zehn Jahre in Deutschland verbracht. Im Nachhinein — vielleicht wären wir glücklicher gewesen, wenn wir geblieben wären. Aber das weiß man ja nicht. Ich bin eigentlich sehr froh, als Jugendliche in Istanbul groß geworden zu sein. Es war nicht einfach, sich kulturell wieder einzuleben, aber es war eine Bereicherung.
Die entarmte Meerjungfrau

BANU »Lunaparc« ist eins meiner Lieblingsbilder. Diese Meerjungfrau mit den Drahtarmen, ohne Kopf — eine kleine Figur, die ich auf dem Berliner Flohmarkt gefunden habe, vermutlich aus der DDR. Ich weiß gar nicht, wieso die keine richtigen Arme hatte, das war wohl zum Aufhängen. Aber sehr grotesk und sehr surreal. Und wieder dieses Displaced-Sein. Die beiden Bilder sind zur selben Zeit entstanden.
RA Und wieder ein Meereswesen.
BANU Die Meerjungfrau hat ja auch ihre eigene Mythologie. Durch diese Figur kam mir damals die Idee, entarmte Skulpturen zu machen — ein paar Jahre später. Das Gefühl der Handlungsunfähigkeit. Und dieses Blut, das an ihren Gelenken heruntertropft…
RA Die Meerjungfrau gilt als ein feministisches Symbol, weil es eine starke Figur ist. Auch als Sirene, die Männer in den Tod lockt, ist sie sinnbildlich für die Macht von Frauen über Männer. Bei dir ist es umgekehrt. Sie ist entmächtigt.
BANU Das ist genau dieser Zwiespalt: das Machtgefühl und das Entmächtigtsein, das Nicht-handeln-Können, das Sich-betäubt-Fühlen. Das ist auch wieder eine Art von Kassandra.
RA Auf einer anderen Ebene. In diesem Fall sind es die Arme, die nichts können. Der Kopf fehlt auch.
BANU Später habe ich noch ein Bild gemalt, eine kleine Meerjungfrau auf einer Felsenklippe, stürmisches Meer, ohne Kopf. Irgendwie skurril, aber mir gefallen solche Details. Ich habe ja auch keine Meere von Blut gemalt, sondern nur diese kleinen symbolischen Bruchstellen an den Gelenken mit kleinen Tropfen Blut.
Um sie herum fährt eine Eisenbahnlinie eine Runde. Im hinteren Teil der Landschaft steht das Haus, wo ich und meine Schwester mit unseren Eltern in Eschwege gelebt haben — und vorne Gebäude aus einer Stadtlandschaft, inspiriert von der Istanbuler Peripherie. Meine Schwester und ich fahren beide in so einem kleinen Kinderspielplatz-Eisenbahnwaggon. Und diese aufgeschnittene Erde mit den Wurzeln, als wäre es ein Stück herausgerissener Landschaft.
RA Als hätte man das Stück Landschaft herausgeholt und woanders hingestellt. Wie bei Modelleisenbahnen, diese Platten.
BANU Genau, eine Modelleisenbahn-Landschaft, die aber ihre Wurzeln hat. Auf einem anderen Bild, das »Das Ende der Welt« hieß, habe ich wieder so eine herausgeschnittene Landschaft im Vordergrund, wo man die Wurzeln sieht und wo eine Frauenfigur in der Luft hängt, sich womöglich hinunterstürzt. Dieses Gefühl des Abgeschnittenen.

[später, beim Durchblättern der Kataloge]
BANU Und das hier. Das habe ich »Ohnmacht« genannt.
RA Und das bist du selbst.

BANU Ja. Es ist eins der wenigen Bilder, wo ich mich wirklich gemalt habe. Ich hatte eine Fotoserie von mir gemacht, mit Selbstauslöser.
RA Es sind bei deinen Bildern einige dabei, die nach dir aussehen.
BANU Sie sehen nach mir aus, aber sonst male ich mich nicht ab.
Der Traum der Eidechse

BANU »Der Traum der Eidechse« entstand 2020. Ich hatte es vor der Covid-Zeit angefangen, aber es hat sich überschnitten, ich habe es währenddessen zu Ende gemalt. Und es ist schon merkwürdig, wie sich die Pandemie mit dem Bild überlappt hat. Wie eine Vorahnung. Was man hier sieht, ist eine Art dystopische Stadt, die dahergeschwebt kommt wie ein Raumschiff, plötzlich am Himmel erscheint, und alles rennt panisch weg.
Das Bild basiert auf einem Traum. Ich bin in der Stadt, plötzlich bebt die Erde, und eine ganze Flotte von Raumschiffen kommt vom Horizont hergeflogen, und alle rennen chaotisch kreuz und quer. Ich merke, wie es wie bei einem Erdbeben immer heftiger schüttelt und die Erde immer heißer wird. Und plötzlich sehe ich ein Terrarium mit Eidechsen, das sich von unten erhitzt. Und die Eidechsen können nicht entkommen und verkommen.
RA Ein Albtraum.
BANU Ja. Er war ziemlich echt. Ich habe den Traum sehr intensiv erlebt. Es ist eigentlich ein Bild über außerirdische Intelligenz vielleicht, keine Ahnung. Irgendetwas ist da sicherlich. Und ich hatte ja damals bei der Kassandra schon diese Engelsaugen, die ich hier wieder benutzt habe, mit den Eidechsen. Das innere Auge oder das höhere Bewusstsein.
RA Es ist erst in den letzten Jahren wissenschaftlicher Konsens geworden, dass andere Lebensformen Bewusstsein haben. Das hat Jahrhunderte gedauert, was ich erstaunlich finde, weil es so auf der Hand liegt. Descartes hatte ja diese Vorstellung, dass Tiere wie Maschinen sind. Und dann hat es vierhundert Jahre gedauert, bis Wissenschaftler Experimente entwickelt haben, die das Gegenteil beweisen — und erst durch den Beweis wird es akzeptiert. Für mich ist es evident: Ich muss einer Katze nur in die Augen schauen.
BANU Ich kann mir diese brutale Engstirnigkeit nicht vorstellen — damals auch andere Menschen als Nichtmenschen zu sehen und zu behandeln.
RA Die völlige Empathielosigkeit.
BANU Total psychopathisch. Und ich finde, dass unsere Gesellschaft sehr psychopathische Züge hat. Man kann doch sehen, dass ein Tier Gefühle hat, man kann es spüren.
RA Es ist eine Herrschaftsideologie. Wenn man so denkt, kann man mit anderen Lebewesen alles machen.
BANU Manche Menschen können sich nur das vorstellen, was Menschen erfunden haben. Zu Descartes‘ Zeiten kannte man Mechanismen, heute kennt man Computer. Deswegen wird Intelligenz heute mit Computern verglichen. Das ist verständlich, aber es wird der Realität nicht gerecht. Je mehr wir lernen, desto komplexer werden die Analogien. Doch man muss sich dessen bewusst sein, dass wir nur so weit denken können, und dass wir in zweihundert, fünfhundert Jahren weiterdenken werden. Und immer mehr Geist erkennen werden. Wir werden erkennen, dass wir das, was wir nicht verstehen, nicht immer ausschließen müssen, so wie wir einst die Tiere als geistlos, als gefühllos, als bewusstseinslos klassifiziert haben.
RA Und heute bekommen sogar Tiere und Flüsse Rechte.
BANU Das ist toll.
Der nächtliche Spaziergang

BANU Das ist ein Bild von einem Satyr auf einem nächtlichen Spaziergang. So heißt es auch. Und das Haus steht für das Innerste.
RA In einem sehr strahlenden Sinne.
BANU Ja, als Licht ausstrahlend. Das ist der Versuch, das andere Bewusstsein zu erforschen. Wie du vorhin sagtest: Wenn du in die Augen einer Katze guckst, dann siehst du da ein Bewusstsein. Ich frage mich, wie Tiere die Welt wahrnehmen und wie sie fühlen und denken. Und diese ganze mythologische Welt der Zwischenkreaturen, zwischen Mensch und Tier — also zwischen diesem urarchaischen Bewusstsein und unserem abgespaltenen, so wie wir heutzutage leben, abgespalten von all diesen Naturkräften.
RA Ich glaube, man kann sich gut in eine Katze hineinversetzen. Das weißt du als jemand, der mit Katzen lebt, besser als ich. Dass man mitfühlen kann, um zu verstehen, wie sie die Welt wahrnimmt. Ich glaube nicht, dass wir komplett davon ausgeschlossen sind. Ich sehe es auch bei meinem kleinen Sohn, der die ganze Zeit als Katze herumläuft. Nicht, dass das genauso ist, wie die Katze empfindet — aber Bewusstsein kann sich miteinander verbinden. Und in dieser Verbindung lernt man voneinander.
BANU Aber ich frage mich schon, wie das wäre. Wie sich das anfühlt, eine Nymphe zu sein oder ein Satyr. Oder dieses Wilde, im Wilden zu leben. Diese Wildnis in sich zu tragen.
Die Ausstellung mit Arbeiten von Banu Birecikligil ist ab dem 3. Oktober 2026 im Lovelab Dreamspace zu sehen, Pappelallee 25, 10437 Berlin. Wer den nächsten Traum nicht verpassen will: dem Traum beitreten.