Die Hunderttausend-Dollar-Platte
Tim Ra und Jens Strüver über »Kosmische Kuriere«, Bernard Herrmann, Rolf-Ulrich Kaiser und das Archiv als Instrument
Ein Jahr Arbeit, fünfundzwanzig Jahre Anlauf. Am 25. April 2026 sitzen Tim Ra und Jens Strüver zur Listening-Session im Lovelab Dreamspace vor Publikum zusammen, um ihr ihr neues Album zu sprechen. Ein Gespräch über Bernard Herrmann und Gustav Holst, über Aufstieg und Absturz der Kosmischen Kuriere um Rolf-Ulrich Kaiser — und über Künstliche Intelligenz als Universalarchiv.
Mit Kosmische Kuriere organisieren Tim Ra und Jens Strüver keine Flucht zu den Sternen. Sie erfinden eine neue Art, die Erde vom Kosmos aus zu bewohnen. Zwischen schwebenden Jazzklängen, astraler Exotica, analogen Synthies, KI-gestützten Visionen und heilsamer Science-Fiction gleicht dieses bei Lovelab erschienene Album einer Postkarte aus einer weniger brutalen Zukunft. Eine Musik der Schwellen, der Fürsorge und der Verwandlung. Eine retro-futuristische Odyssee zwischen Krautrock und empathischer Utopie.
Olivier Lehoux, Solénoïde (Frankreich)
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I — Der Anruf
Jens Strüver: Wir hatten gerade eine kreative Pause, als Tim mich anrief und meinte: Jens, es ist so weit, man kann mit Künstlicher Intelligenz Musik machen.
Tim Ra: Ich hatte gerade das erste mit Hilfe von KI erstellte Album fertiggestellt: Killers of Cadiz, eine Noir-Jazz-Platte, die ich Anfang 2026 veröffentlicht habe. Ich schickte Jens einen Link zur Musik, und er war schwer beeindruckt.
Jens Strüver: Und da ich immer neugierig bin, fand ich es super, das auch mal auszuprobieren. Meine ersten Versuche waren, zwei meiner Lieblingsgruppen einzugeben: Kraftwerk und Pink Floyd. Und ich kann euch sagen, was da rauskam, war Lichtjahre entfernt von Kraftwerk oder Pink Floyd. Da wäre man nie draufgekommen. So einfach ist das also nicht, wie man es manchmal in Interviews zum Thema KI liest.
Tim Ra: Es ist harte Arbeit, so zu klingen wie andere. Noch härtere Arbeit ist es, eine eigene Signatur zu entwickeln.
Jens Strüver: Und dann sind über ein Jahr hinweg die Skizzen für diese unglaublich filmischen Stücke entstanden.
II — Das Universalarchiv
Tim Ra: Man muss dazu wissen: Jens ist Musikarchivar und kennt sich musikhistorisch unglaublich gut aus, in der Breite und in der Tiefe. Man fragt ihn nach irgendwas, und er geht zum Plattenregal und zieht sofort die richtige Platte raus. Ähnlich war es, als wir an dieser Musik gearbeitet haben: Zu jedem Klang und zu jeder Idee aus der KI hatte Jens gleich die richtigen Komponisten auf dem Schirm, die man dann in die Prompts einfließen lassen konnte.
Jens Strüver: Ich höre sehr viele Sachen aus den Fünfzigern, momentan vor allem Hollywood-Soundtracks und bestimmte Cool-Jazz-Sachen. Nicht Chet Baker, eher die anderen, die mit Orchester arbeiten. Das, was man Third Stream nennt — der Begriff stammt übrigens von Gunther Schuller, der 1957 diese dritte Strömung zwischen Jazz und klassischer Komposition ausgerufen hat. Genau in diesem Zwischenreich bewegen wir uns auch.
Und Tim ist von Komponisten wie Gustav Holst oder Charles Ives begeistert. Da stehen wir beide voll drauf. Und natürlich Bernard Herrmann. Der hat 1941 mit Orson Welles angefangen — Citizen Kane war seine allererste Filmmusik —, hat dann die großen Hitchcock-Filme gemacht, Vertigo, Psycho, und hörte mit Scorseses Taxi Driver auf. Er ist 1975 in der Nacht gestorben, nachdem er die letzte Aufnahmesession dafür beendet hatte. Einer der Besten, bis heute unerreicht. Was es nicht werden sollte, war gleichzeitig auch ganz klar: bloß keine Hans-Zimmer-Sequencer-Orchester-Soße.
Tim Ra: Das war sehr klar.
Jens Strüver: Obwohl Zimmer ja mal ambitioniert angefangen hat. Aber das ist lange her. Ich habe gerade ein Interview mit Irmin Schmidt von CAN in der Wire gelesen, wo er das Mickey-Mousing in der Filmmusik kritisiert. Das heißt: Du hast eine traurige Szene, und dann kommt Musik, die ist noch trauriger. Oder du hast eine komische Szene, und dann wird dazu alberne Musik eingespielt. So darf man doch keine Filmmusik angehen. Aber das hat sich leider immer mehr durchgesetzt. Kosmische Kuriere steht für einen Paradigmenwechsel.
Tim Ra: Es ist ein Rückgriff auf ältere Traditionen. Du hast Gustav Holst schon erwähnt. Wir beziehen uns bewusst auf »Die Planeten«, die er zwischen 1914 und 1917 komponiert hat, mitten im Ersten Weltkrieg. Alte Musik, die zugleich ein Vorgriff auf die Science-Fiction-Musik der Fünfziger- und Sechzigerjahre gewesen ist — und weit darüber hinaus: John Williams hat sich für Star Wars ganz unverhohlen beim Mars-Satz bedient. Von Holst führt ein Weg zu Bernard Herrmann und John Williams, und von dort aus zu unserer Platte. Mit unserer Arbeit verfolgen wir solche Traditionslinien und knüpfen daran an.
Wir bauen diese Einflüsse mit ein, und dabei hilft die KI. So ähnlich wie Jens’ gewaltiges Plattenregal und die zahllosen am Boden liegenden Plattenstapel ist die KI ein Universalarchiv, auf das man mit Prompts zugreift und mit dem man diese Assemblage von Einflüssen leisten kann. So entstand diese Platte: aus unserem gemeinsamen Wissensschatz schöpfend, auf dieses Menschheits-Archiv zugreifend. So ist etwas Neues entstanden.
Jens Strüver: Und tausend Bücher habe ich auch noch. Ich habe nicht mal einen Computer in der Wohnung. Internet sowieso nicht. Aber weißt du: Wenn du so viele Schallplatten und Filme hast, brauchst du keinen Computer und kein Internet.
Tim Ra: Du brauchst höchstens einen Roboter, der die Sachen aus dem Regal holt.
Jens Strüver: Der Roboter bin ich selber. Und je älter ich werde, desto schwieriger wird es.
Tim Ra: Desto robotischer werden die Bewegungen.
Jens Strüver: Die Heavy-Metal-Abteilung ist ganz unten, in Bodennähe. Ich will mal wieder eine Sunn O))) hören, müsste mich aber dafür bücken. Und dann denke ich: Ach nee, ich bleibe mal lieber hier oben.
III — Die Kreativität geht weiter
Jens Strüver: Vorgestern war ich mit meiner Partnerin Susanne bei Kruder & Dorfmeister, die sich ja durch Samples und Remixe eine große Karriere erarbeitet haben. Danach hatten wir noch die Chance, mit Richard Dorfmeister über KI zu sprechen. Er meinte: Ja klar, dieses Tool ist jetzt da, und das lässt sich nicht rückgängig machen. Ich kann mir vorstellen, dass er das auch in seine Arbeit mit einbezieht.
Wenn man unsere Platte hört und sich überlegt, was das früher bedeutet hätte — ein Arrangeur, wie viele Musiker, die Probenzeiten, die Studiotage —, dann sage ich immer: Das ist unsere Hunderttausend-Dollar-Platte. Für Menschen mit Ideen ist die KI eigentlich super. Gleichzeitig machen Tim und ich weiterhin auch handgemachte Musik, das schließt sich ja nicht aus. Mit Stefan Mensger habe ich letztes Jahr eine Platte gemacht, dafür benutzten wir nur Gitarren und Bass. Es macht weiterhin Spaß, Sachen in die Hand zu nehmen.
Aber die KI ist eben auch ein tolles Tool. So wie damals, als der Sampler kam, als die ersten Hip-Hop-Acts anfingen zu samplen — oder Peter Gabriel und Kate Bush. Da denke ich an zwei Platten von 1982: Peter Gabriels viertes Album, das in den USA Security hieß, und Kate Bushs The Dreaming. Beide haben damals den Fairlight CMI eingesetzt, einen der ersten digitalen Sampler überhaupt. Das Ding hat so viel gekostet wie ein Einfamilienhaus, und Peter Gabriel war einer der allerersten in England, die einen besaßen. Er hat Geräusche, Stimmen und Alltagsklänge aufgenommen und daraus Musik gemacht, zerbrechendes Glas, Ziegelsteine. Und Kate Bush hat das noch weitergetrieben und eine völlig neue Klangwelt geschaffen.
Damals haben sich auch viele aufgeregt und gesagt: »Kannst du denn nicht einfach selbst Musik machen, anstatt etwas von einer Platte zu nehmen?« Dabei wurden Schallplatten schon von Komponisten wie Pierre Henry, Pierre Schaeffer und John Cage als kompositorisches Werkzeug eingesetzt. Heute wirkt das fast selbstverständlich, Sampling ist längst als Kunstform anerkannt. Und ich glaube, mit KI erleben wir gerade einen ganz ähnlichen Moment. Wenn daraus etwas ganz Neues entsteht, finde ich das in Ordnung.
Tim Ra: Die Kreativität geht weiter.
IV — Frustrierende Tage
Jens Strüver: Manche Sachen, Basslines zum Beispiel, kamen dann doch von Tim. Bei der KI ist ja auch nicht immer alles toll, was sie anbietet. Da gibt es Sachen, wo du denkst: Das ist geil — und das ist vielleicht ganz gut — und das muss aber irgendwie weg, weil es schlecht klingt und auch doof ist.
Tim Ra: Es war vorrangig Auswahl-, Misch- und Produktionsarbeit. Das, was sonst der letzte Schritt in der Produktion ist, bekommt in der Arbeit mit KI deutlich mehr Gewicht, weil einem vieles angeboten wird, mit dem man weiterarbeiten kann. Was ich aus der Arbeit als Produzent kenne — dass ich stundenlang mit einem Musiker an der Bassline oder am Keyboard-Riff sitze —, das geht jetzt schneller. Auch wenn man manchmal fünfzigmal prompten muss, bevor etwas aus der Maschine kommt, ist es trotzdem eine wahnsinnige Beschleunigung. An Streicherarrangements habe ich früher oft wochenlang gesessen, das geht jetzt ganz fix.
Jens Strüver: Manche Sachen gingen wirklich fix. Andere überhaupt nicht.
Tim Ra: Wir haben ein Jahr an der Platte gearbeitet, einmal die Woche, ungefähr sechs Stunden.
Jens Strüver: Es gab auch Tage, wo die Ergebnisse einfach katastrophal waren.
Tim Ra: Frustrierende Tage.
Jens Strüver: Da ging man heulend nach Hause und hat die Tür eingetreten, weil es nicht so war, wie man wollte. Und was Programmieren und all das angeht, bin ich sowieso eine Vollniete.
V — Ohr, Pilz, Kosmische Kuriere
Tim Ra: Die Idee, die Platte Kosmische Kuriere zu nennen, stammt von dir. Woher kommt dieser Begriff?
Jens Strüver: Ich bin ein echter Teenage-Krautrocker. Ich hatte mit zehn, elf Jahren meine ersten Kraftwerk- und Neu!-Platten, das hat mich nie wieder losgelassen. Heute arbeite ich auch mit Wolfgang Seidel für Gil Schnitzler, die Witwe von Conrad Schnitzler, und kümmere mich mit darum, dass sein Werk weiter veröffentlicht wird — gerade sind wieder zwei Veröffentlichungen bei Bureau B erschienen.
Und dann gab es diesen Rolf-Ulrich Kaiser. Ein Typ im Anzug und mit Krawatte — und gleichzeitig komplett im psychedelischen Zeitgeist unterwegs. Bevor die Labelgeschichte überhaupt losging, hat er 1968 die Internationalen Essener Songtage mit organisiert: rund vierzigtausend Besucher, Frank Zappa & The Mothers of Invention, The Fugs, Amon Düül, Tangerine Dream. Das war das erste große Festival der deutschen Gegenkultur, ein Gründungsmoment. Danach gründete er 1970 zusammen mit dem Schlagerverleger Peter Meisel das Label Ohr — schon diese Konstellation ist verrückt: Schlagerindustrie-Geld für die deutsche Avantgarde. Später kamen Pilz und schließlich Kosmische Musik beziehungsweise Die Kosmischen Kuriere dazu. Ein riesiger Teil dessen, was wir heute als Krautrock oder Kosmische Musik kennen, ist auf diesen Labels erschienen: Tangerine Dream, Klaus Schulze, Ash Ra Tempel, Embryo, Xhol und Anima — die haben dort alle wichtige frühe Platten veröffentlicht.
Dann gibt es diese unglaubliche Geschichte mit Timothy Leary. Der war aus dem Gefängnis in Kalifornien geflohen und lebte Anfang der Siebziger im Schweizer Exil. 1972 traf er dort auf Ash Ra Tempel, und zusammen haben sie das Album Seven Up aufgenommen. Der Titel spielt natürlich auf die Limonade an — der Legende nach sollen bei den Aufnahmen mit LSD versetzte Seven-Up-Dosen im Spiel gewesen sein.
Es wurde unheimlich viel aufgenommen, oft stundenlang improvisiert, vor allem im Studio von Dieter Dierks. Daraus entstanden zunächst reguläre Alben. Später hat Kaiser aus diesen Session-Bändern aber immer mehr Collagen und Zusammenstellungen zusammengeschnitten und veröffentlicht. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Gille Lettmann — seinem »Sternenmädchen« — entwickelte er eine eigene kosmische Mythologie. Da gab es die berühmten Kosmische-Kuriere-Briefe, Platten wie Galactic Supermarket von den Cosmic Jokers oder Lord Krishna von Goloka mit Sergius Golowin, und irgendwann verschwammen Realität, Kunstfigur und LSD-Trip.
Das Verrückte war: Auf manchen dieser Platten waren Musiker zu hören, die gar nicht wussten, dass ihre Aufnahmen verwendet worden waren. Manuel Göttsching hat später erzählt, dass er 1974 in einen Berliner Plattenladen ging, dort seine eigene Gitarre hörte und feststellte, dass gerade eine Cosmic-Jokers-Platte lief, von der er nichts wusste. Der Händler sagte nur: »Manuel, das ist doch deine neue Platte. Du bist sogar auf dem Cover.« Und er: »Was?«
Edgar Froese von Tangerine Dream lag da schon im Rechtsstreit mit Kaiser, Klaus Schulze und andere Musiker schlossen sich an. Innerhalb kurzer Zeit brach das ganze System zusammen, Mitte der Siebziger war das Label praktisch Geschichte. Und dann verschwand Rolf-Ulrich Kaiser vollständig aus der Öffentlichkeit. Wenn der morgen wieder auftauchen würde, würde wahrscheinlich jede Musikzeitschrift mit ihm sprechen wollen — vermutlich sogar der Spiegel.
Tim Ra: Er ist also einfach untergetaucht?
Jens Strüver: Ja, komplett. Und allein diese Labelnamen finde ich großartig: Ohr, Pilz, Kosmische Kuriere. Fantastisch. Natürlich hat Kaiser viele Fehler gemacht. Aber ohne ihn wären viele dieser Platten möglicherweise nie erschienen. Damals wollte kaum jemand Tangerine Dream veröffentlichen, oder Ash Ra Tempel, Embryo oder die ersten Klaus-Schulze-Alben. Floh de Cologne war eine der ersten politischen Rockbands in Deutschland, noch vor Ton Steine Scherben. Das hat er alles angeschoben. Und Kaiser war ja ursprünglich Journalist und hat mehrere Bücher geschrieben, Das Buch der neuen Pop-Musik zum Beispiel. Die sind heute fast vergessen, aber wenn man sich für die Geschichte dieser Zeit interessiert, lohnt es sich wirklich, da mal reinzuschauen.
Tim Ra: Ist notiert.
Jens Strüver: Und irgendwie dachte ich: Auch wenn unsere Platte mit Krautrock wenig zu tun hat, passt doch der Bezug zu den Kosmischen Kurieren.
Tim Ra: Wir beziehen uns mit unserer Vision einer empathischen Menschheit auf die kosmische Tradition — wenn auch ohne die Abstürze.
Jens Strüver: Ob du’s glaubst oder nicht: Ich habe gestern in einem Second-Hand-Plattenladen eine Kosmische-Kuriere-Platte gekauft.
Tim Ra: Ach, tatsächlich?
Jens Strüver: Ja, eine Ash Ra Tempel. Die Originalpressung. Und dann haben wir eine Viertelstunde hin und her gehandelt. Er fing bei siebzig Euro an, und ich so: höchstens dreißig. Guck mal hier, wie die aussieht! Und dann haben wir uns bei vierzig geeinigt.
Tim Ra (liest aus dem Presseinfo): »Eine kosmische Menschheit, die ihre Beschränktheiten durch Empathie und Liebe überwindet. Eine Musik, die das Menschliche ins Kosmische weitet und im Kosmischen wieder zu ihrer eigenen Menschlichkeit findet.«
Jens Strüver: Damit ist doch alles gesagt. Ich finde, jetzt können wir erst mal etwas Musik hören, oder?
VI — Zwei Seiten
Tim Ra: Das zweite Stück auf der Platte heißt »Pulsar«, unmittelbar nach der »Venus Matinee«. Ursprünglich hieß es, glaube ich, sogar mal »Bolero«. Man hört jedenfalls noch diese Bolero-Anklänge.
Jens Strüver: Du glaubst gar nicht, wie viele boleroartige Stücke es gibt. Ich habe unzählige Platten aus den Fünfzigerjahren, aus dieser Exotica-Bewegung um Les Baxter und Martin Denny. Da tauchen solche Rhythmen und Harmonien immer wieder auf. Und ein Bolero ist ja nicht nur ein bestimmtes Stück — wie Ravels berühmter Boléro von 1928 —, sondern eine musikalische Form beziehungsweise ein Tanz. Ursprünglich aus Spanien, im Dreiertakt, und dann hat sich in Kuba daraus etwas ganz Eigenes entwickelt, der langsame kubanische Bolero, der von dort aus ganz Lateinamerika erobert hat. Zwei Formen, die denselben Namen tragen und doch völlig verschieden sind.
Die Stücke auf der ersten Seite des Albums sind alle ziemlich kurz, zwischen zweieinhalb und vier Minuten. Das ist fast schon Single-Format. Insofern hat »Pulsar« für mich etwas von einem kleinen, kompakten Bolero.
Tim Ra: Und wir haben das dann noch ein Stück weiter Richtung Mariachi entwickelt. Das Spannende am Bolero ist ja, dass er selbst schon ein Produkt kultureller Vermischungen ist: europäische, arabisch-nordafrikanische, später karibische Einflüsse. Wir haben diese Geschichte weitergedacht und mit mexikanischen Elementen kombiniert. Das ist typisch für unseren ganzen Ansatz. Uns interessiert weniger musikalische Reinheit als das Miteinander, eine kulturelle Vielstimmigkeit. Wir verknüpfen unterschiedliche Traditionen so, als hätten sie schon immer zueinander gehört.
Jens Strüver: Ich finde, unsere Platte klingt sehr vertraut. Sie ist andererseits keinem Trend und keiner Mode verpflichtet, ganz anders als das Gros der gegenwärtig entstehenden KI-Musik. Wir sind auch keine zwanzig mehr. Früher, als ich im Club aufgelegt habe, hätte ich mich vielleicht anders orientiert, wer weiß. Aber ich habe hier noch ein paar unveröffentlichte Stücke von uns, teilweise auch mit KI, und die sind wesentlich clubbiger.
Tim Ra: Wir kommen aus der Clubmusik, aus der Berliner Clubszene. Doch als wir anfingen, diese Platte zu machen, war klar, dass wir das komplett hinter uns lassen, dass es einfach keine Rolle mehr spielt. Wir haben dieses ganze musikalische Universum der Berliner Clubs hinter uns gelassen — aber die positive Botschaft des Zusammenseins und der Überwindung von Mauern mitgenommen und in einer neuen Art von Musik weiterbuchstabiert, in einer hellen und einer dunkleren Variante: Es gibt ja eine A- und eine B-Seite des Albums.
Jens Strüver: Werner Dafeldecker ist ein leidenschaftlicher Fan der B-Seite.
Tim Ra: Er hat das Mastering der Platte übernommen.
Jens Strüver: Werner ist Kontrabassist, kommt aus dem Wiener Jazz, hat das legendäre Polwechsel-Ensemble mitgegründet und mit Leuten wie David Sylvian und Chet Baker gearbeitet — ein richtiger Handwerker mit einem unglaublichen Ohr. Er hat immer mitgekriegt, was ich so treibe, weil ich mit Werner ja auch Musik mache. Und er war total begeistert und sagte: Dieses Album möchte er mastern, da hat er richtig Bock drauf. Ich finde, er hat wirklich dafür gesorgt, dass es noch besser klingt. Für unseren Sound ist Werner mit seinem Mastering ein wichtiger Faktor und darf nicht unerwähnt bleiben.
Tim Ra: Auf gar keinen Fall.
Jens Strüver: Ich bin eigentlich auch eher Fan der zweiten Seite, obwohl ich die erste natürlich auch toll finde. Das ist unsere Pop-Seite, sage ich jetzt mal.
Tim Ra: Dann tauchen wir jetzt in die Dunkelheit. Da gibt es zwei Stücke, die infrage kommen, und das sind auch die, die sich auf Gustav Holst und Bernard Herrmann beziehen, auf die Pioniere der Sci-Fi-Musik.
Jens Strüver: »Nebula« ist eins der chilligsten Stücke.
Tim Ra: Holst hat in den »Planeten« für jeden von sieben Planeten einen Satz geschrieben — die Erde kommt nicht vor, und Pluto war noch nicht entdeckt. Bei Holst ist es so angelegt, dass die Musik immer dunkler und geheimnisvoller wird, je weiter man sich von der Sonne entfernt. Das Planetensystem wird immer unwirtlicher — und genau diese äußeren Sätze wurden Jahrzehnte später zur Blaupause für Science-Fiction-Soundtracks. Der Uranus-Satz, »der Magier«, stand schließlich Pate für »Nebula«. Unter anderem.
Jens Strüver: Genau, unter vielem anderen! Und das Ende von »Nebula« mit dem Chor — da muss ich sagen: Auch das gibt es bei Holst schon. Der Neptun-Satz endet mit einem unsichtbaren Frauenchor, der hinter der Bühne singt, während die Tür langsam geschlossen wird, bis nichts mehr zu hören ist. Das gilt als das erste Fade-out der Musikgeschichte, 1918, lange vor der Studiotechnik. Und unser Chor am Ende klingt für mich fast schon nach Fünfziger-Jahre-Science-Fiction — nach Herrmanns The Day the Earth Stood Still mit seinen Thereminen. Während der Bass bei Serge Gainsbourg auf Histoire de Melody Nelson zu Hause sein könnte. Man kann so ganz unterschiedliche Sachen zusammenbringen, und darum macht das dann einfach Spaß.
VII — Das Leben ist überall
Tim Ra: Für mich ist es im Kontrast zu Holst eher so, dass das Leben grenzenlos ist. Es ist eine universelle Kraft, die überall im Universum wirksam ist. Selbst wenn es keine Menschen mehr geben wird, wird es doch Leben geben. Selbst wenn wir es fertigbringen, alles zu zerstören: Das Leben geht weiter, es nimmt überhaupt keine Rücksicht darauf, was wir für einen Quatsch machen. Das Leben als Kraft, die alles durchwirkt: Das ist die positive Botschaft hinter den Kosmischen Kurieren. Das ist auch die Pointe unseres zweiten Videos, dem »Wasser des Lebens«, das auf zahlreichen Filmfestivals als Teil der Official Selection gezeigt und in Porto mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet wurde.
Ich habe mich nämlich entschieden, einige Videos für diese Musik zu generieren. »Generieren« ist dabei genau das richtige Wort, denn es sind KI-Videos. Es ist noch immer eine Menge Arbeit, aber es sind eben nicht mehr die Millionenbudgets, die man vor zwei, drei Jahren dafür gebraucht hätte. Auf diesem Level zu produzieren ist tatsächlich erst in den letzten Monaten möglich geworden. Der erste Clip, »Venus Matinee«, ist Anfang April erschienen und sofort viral gegangen — für unsere Verhältnisse viral, mit rund achtzigtausend Plays. Und mit einem begeisterten Kommentar von Mark Batson darunter, dem Produzenten von Beyoncé. Inzwischen will er mit mir zusammenarbeiten.
Jens Strüver: Es beginnt zu rollen.
Tim Ra: Der Clip erinnert an Kubricks 2001 oder an Chris Cunninghams All Is Full of Love. Aber er schlägt eine andere, feministische Richtung ein: Es geht um Fürsorge, Gemeinschaft und die Frage, wie eine friedliche Zukunft aussehen könnte.
Jens Strüver: Ich finde übrigens das Cover wirklich cool. Als ich mit den Flyern durch Berlin marschiert und in einen Plattenladen gegangen bin, ist mir aufgefallen: Auf dem neuen Album von Kurt Dahlke, Pyrolator, sind die auch mit Raumanzügen auf dem Cover. Wir sind offenbar in guter Gesellschaft. Eigentlich müssen wir das unbedingt auch als Plakat machen, das ist ein sehr schönes, sehr positives Motiv.
Tim Ra: Ja, das Cover kommt überall super an. Wir haben jetzt zwei Vinyl-Exemplare in Auftrag gegeben, und wenn sie geordert werden, gibt es zu vierhundert Euro das Stück weitere Copies — aber maximal sieben insgesamt. Handsigniert. Das ist das Lovelab-Konzept: Von ausgewählten Werken gibt es winzige Editionen, die einen Sammlerwert haben.
Jens Strüver: Und für die normalen Fans gibt es offizielle Bootlegs.
VIII — Heute ist ein Beginn
Jens Strüver: Ich finde es auch schön, dass wir jetzt nach fünfundzwanzig Jahren Zusammenarbeit endlich unser Debütalbum veröffentlicht haben. Ich glaube, so lange hat noch nie jemand für ein Debütalbum gebraucht. Jede Schnecke bringt schneller ein Album an den Start als wir.
Tim Ra: Eigentlich unfassbar. Dabei haben wir unsere wichtigsten Veröffentlichungen noch vor uns. Du hast bei unserer heutigen Release-Veranstaltung fast nur Musik von uns gespielt.
Jens Strüver: Ja, vieles.
Tim Ra: Ich habe unsere Stücke gar nicht wiedererkannt. Ich habe mich nur gewundert, was das für großartige Musik ist!
Jens Strüver: Es ist erstaunlich, wie gut das ist, wenn man es mal wieder hört.
Tim Ra: In Frankreich geht es ja gut ab.
Jens Strüver: Ja, da gibt es einen Fan: Olivier Lehoux.
Tim Ra: Eine Legende. Seine Sendung läuft in Frankreich auf über dreißig Radiostationen.
Jens Strüver: So etwas darf man nie unterschätzen. Radiohead haben ihre Karriere im Grunde einem israelischen Radio-DJ zu verdanken. »Creep« war 1992 in England erst mal komplett gefloppt, die BBC fand es zu deprimierend. Und dann hat ein DJ beim israelischen Armeeradio das Stück rauf und runter gespielt, es wurde dort ein Hit — die erste Auslandsreise der Band überhaupt ging nach Israel, zu kreischenden Fans. Erst danach kam der Rest der Welt. Irgendwo fängt es an.
Tim Ra: Ganz genau. Bei uns offenbar in Frankreich. Ich finde ja auch, es ist eine sehr französische Platte geworden.
Jens Strüver: Es ist auf jeden Fall Musik, die für französische Filme prädestiniert ist.
Tim Ra: Heute ist ein Beginn.
Das Gespräch wurde am 25. April 2026 im Rahmen der Listening-Session zur Veröffentlichung von »Kosmische Kuriere« im Lovelab Dreamspace geführt.
»Kosmische Kuriere« ist am 25. April 2026 auf Lovelab erschienen und auf Bandcamp und allen Streaming-Portalen vollständig zu hören. Die Videos »Venus Matinee« und »Wasser des Lebens« finden sich auf der Albumseite. Von der Vinyl-Ausgabe existieren sieben handsignierte Exemplare — Editionen. Wer den nächsten Traum nicht verpassen will: dem Traum beitreten.