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Sätze wie Schlaftabletten

Zum Tod von Jürgen Habermas

Zuerst veröffentlicht am 15.03.2026.

Der Tod von Jürgen Habermas macht mich traurig.

Dabei war es oft eine Qual, seine Bücher zu lesen: Sätze wie Schlaftabletten. Sein berühmter Glaube an den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ erschien vielen von uns jungen Studenten in den 1990ern naiv. Zu vertrauensvoll gegenüber Diskursen, die in der Realität oft von Macht, Geld, Medien und Institutionen strukturiert sind. Und seine Rolle als eine Art Staatsphilosoph der Bundesrepublik, auf den sich in Philosophieseminaren reflexhaft berufen wurde, war eher irritierend: zu sehr Teil des offiziellen Selbstverständnisses der deutschen Nachkriegsgesellschaft.

Während sich freilich die alte Bundesrepublik langsam auflöste, blieb Habermas beharrlich.

2003 veröffentlichte er gemeinsam mit Jacques Derrida aus Anlass des Irakkriegs ein gemeinsames Manifest, das in mehreren großen europäischen Zeitungen erschien. Nach Jahrzehnten philosophischer Feindschaft traten zwei der wichtigsten europäischen Denker gemeinsam auf und forderten eine eigenständige Stimme Europas in der internationalen Politik – eine Stimme des Völkerrechts, der multilateralen Institutionen und der internationalen Kooperation, die nicht einfach im Windschatten der Vereinigten Staaten verschwindet.

Für mich und für viele andere war der verhängnisvolle Krieg gegen den Terror eine Zeit des neuerlichen politischen Erwachens – und Habermas und Derrida waren unsere Stimmen. Dass ein französischer und ein deutscher Philosoph ihren Streit begruben, um eine gemeinsame europäische Sprache in der internationalen Politik einzufordern, war selbst eine politische Tat.

Heute erleben wir, wie schwach die europäische Politik gegenüber den autoritären und faschistischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten wirkt – und wie ein deutscher Kanzler sich zum Hofdiener von Faschisten erniedrigt. Doch während er nach oben buckelt, tritt Friedrich Merz nach unten, und öffnet so rechtsradikalem Gedankengut Tür und Tor.

Zugleich wird immer deutlicher, dass konservative Kräfte in Europa längst mit der extremen Rechten paktieren. Was noch vor wenigen Jahren als politischer Tabubruch galt, wird Schritt für Schritt normalisiert. So gelangen die Mörder von morgen an Positionen von Macht, Einfluss und Kontrolle.

Dabei war und bleibt es richtig, aus der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs eine demokratische Konsequenz zu ziehen: dass Politik auf Verständigung beruhen muss. Nicht auf Freund-Feind-Denken, nicht auf Zynismus, nicht auf der bloßen Logik der Macht.

Habermas gehörte zu den letzten großen Intellektuellen, die dieses kommunikative Projekt der europäischen Nachkriegsmoderne verkörperten.

Dieser Haltung blieb er treu. Während der Krieg in der Ukraine die politische Sprache immer stärker militarisierte, erinnerte Habermas daran, dass politische Vernunft nicht darin bestehen kann, den Gegner zu dämonisieren. Kritik und klare Verurteilung schließen die Einsicht nicht aus, dass Konflikte zwischen Atommächten letztlich nur über Verhandlungen beendet werden können. Viele hielten auch das für naiv.

Für mich wurde Habermas über die Jahrzehnte vom Wunderling zum Freund. Er verkörperte die Stimme einer Generation, die wusste, wohin totale Feindbilder führen. Es ist die Generation meiner Eltern. Die Väter meiner Eltern, meine Großväter, deutsche Soldaten, ruhen in Gräbern in der Ukraine.

Heute treiben Fanatismus, Ignoranz, Machtbesessenheit und ideologische Verblendung die Politik vielerorts vor sich her. In Nahost entfaltet sich durch den Angriff der USA und Israels auf den Iran eine Dynamik, die nicht nur die Region weiter destabilisiert, sondern eine globale ökonomische Krise auslösen und in eine militärische Eskalation münden kann – wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen haben.

Gleichzeitig erleben wir weltweit den Wiederaufstieg autoritärer und faschistischer Bewegungen, die Politik auf einen Endkampf zwischen Gut und Böse reduzieren und dabei Grausamkeit und Vernichtung das Wort reden. Parallel sind große Teile der digitalen Informationsinfrastrukturen von rechtsradikalen Akteuren und ihren Stiefelleckern gekapert und durch algorithmische Erregungslogik ersetzt worden. Der kommunikative Raum selbst steht massiv unter Beschuss.

Eine Welt im Ausnahmezustand.

Habermas hatte nicht immer recht. Aber er bestand unbeirrbar darauf, dass politische Vernunft möglich ist. Dass Argumente zählen. Dass demokratische Öffentlichkeit mehr sein kann als Propaganda, Empörung, Machtkampf und Manipulation.

Diese Stimme ist nun verstummt.

Ich vermisse Jürgen Habermas.