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Wenn das autoritäre Amerika Schule macht

Der Mord an Charlie Kirk und die Folgen für Europa

First published on 11.09.2025.

Der gestern kaltblütig ermordete MAGA-Influencer Charlie Kirk war eine zentrale Figur des Trumpismus: eine einflussreiche Stimme gegen Vielfalt, Gleichberechtigung und Aufklärung. Kirk leugnete die Legitimität der Wahl 2020, organisierte Busse für die „Stop the Steal“-Demo am 6. Januar, dämonisierte Critical Race Theory, LGBTQ+-Rechte und die feministische Bewegung, rief nach einem totalen Abtreibungsverbot – und hetzte systematisch gegen Migrant*innen. Auf seiner kürzlichen Asienreise warb er für eine globale konservative Männerbewegung gegen den „verweichlichten Westen“, warnte vor „Globalisten“ und „kulturellem Verfall“.

Nur Stunden nach dem Anschlag fabulierte Fox-News-Moderator Jesse Watters von einem angeblichen „Krieg gegen MAGA“ und schwor „Vergeltung“. Doch in Wahrheit ist es Donald Trump, der Krieg führt – gegen Migrant*innen, queere Menschen, gegen Arme und Obdachlose, gegen kritische Demokrat*innen und Journalist*innen, gegen Richter*innen, die ihren Pflichten nachkommen, und alle, die sich seinem Führungsanspruch widersetzen.

Der Mord wird nun von Trump und seinem Umfeld instrumentalisiert. Während die USA unter Rekordinflation, einem explodierenden Haushaltsdefizit und massiven sozialen Spannungen leiden, während der Präsident wegen sexuellen Missbrauchs im Schlaglicht steht, hilft ihm der Kirk-Mord von seiner katastrophalen Bilanz abzulenken. Seine Zustimmungswerte sinken, doch die Bereitschaft zur Eskalation steigt. Die Rhetorik verdichtet sich – eine Säuberungswelle liegt trotz ungeklärter Hintergründe des Kirk-Mords in greifbarer Nähe.

Auch Europa bleibt von diesen Entwicklungen nicht unberührt. Der transatlantische Raum war lange bei aller wichtigen und berechtigten Kritik an neoliberalen und neokolonialen Eliten ein Bezugspunkt für demokratische Standards. Doch mit dem fortschreitenden Zerfall der US-amerikanischen Demokratie steht Europa zunehmend allein da – zwischen einem unberechenbaren, autoritär geführten Amerika und einem Krieg führenden Russland, das längst nicht mehr nur auf militärischem Wege Einfluss nimmt.

In dieser doppelten Umklammerung wächst die Verantwortung der Bürger der EU. Es reicht nicht, auf Stabilität zu hoffen. Die Demokratie muss aktiv verteidigt werden. Denn während die USA ihre rechtsstaatlichen Grundsätze aufgeben, erstarken auch in Europa jene Kräfte, die den Trumps dieser Welt ideologisch nahestehen: die AfD in Deutschland, der Rassemblement National in Frankreich, Fidesz in Ungarn, die PiS in Polen, die FPÖ in Österreich. Sie alle greifen dieselben Narrative auf: von der „kulturellen Austauschung“, vom „verweichlichten Westen“, von der „Krankheit der Demokratie“. Sie hetzen gegen Geflüchtete, gegen queere Menschen, gegen unabhängige Medien und Intellektuelle – und sie tun es zunehmend professionell, mit digitalen Netzwerken, NGO-Imitaten und staatsnahen Medienkanälen – und Konservative folgen ihnen zunehmend auf diesem katastrophalen Irrweg.

Was in den USA zur faktischen Normalität geworden ist – Einschüchterung, Lügen, Aushöhlung des Rechtsstaats – darf in Europa nicht Schule machen. Gerade in Deutschland, das aus seiner Geschichte heraus eine besondere Verpflichtung zum Schutz demokratischer Strukturen trägt, ist jetzt der Moment, Klarheit zu schaffen: Eine Politik, die Gleichwertigkeit von Menschen in Frage stellt, ist keine „andere Meinung“, sondern eine direkte Bedrohung der offenen Gesellschaft. Wer gegen Schutzsuchende hetzt, Richter*innen angreift, queeres Leben dämonisiert oder Pressefreiheit delegitimiert, steht nicht am Rande der Demokratie, sondern bereits außerhalb. Ein Verbot der AfD ist unumgänglich – wenn es dafür nicht bereits zu spät ist.

Es braucht jetzt einen doppelten Schulterschluss: einen innenpolitischen, der linke, liberale und konservative Demokrat*innen wieder näher zusammenbringt, um gemeinsam eine demokratische Brandmauer gegen autoritäre Kräfte zu errichten. Und einen außenpolitischen, der die EU nicht länger als Anhängsel der transatlantischen Ordnung begreift, sondern als eigenständigen Akteur mit klarer sozialer, demokratischer und menschenrechtlicher Agenda.

Denn wenn das autoritäre Amerika Schule macht, kippt auch Europa.