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Lovelab Dreamspace Where Dreams Take Form
Podiumsgespräch »Situation 10«: Igor Levit, Tim Ra und Max Dax über das politische Lied
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Ein Wir ohne Feind

Das politische Lied, Igor Levit, Danger Dan und Räume der Empathie

First published on 21.07.2026.

Vor zehn Jahren hatte ich die Ehre, gemeinsam mit Igor Levit Gast einer der legendären »Situationen« von Max Dax zu sein. Unser Thema war das politische Lied. Gezeigt wurde mein Film »We Are Anonymous«, eine musikalische Aufarbeitung des Irakkriegs. Anschließend spielte Levit Klaviermusik aus einer Zeit, in der musikalische Avantgarde und sozialistische Utopie noch eng verbunden waren – ein leidenschaftlicher Auftritt, der einen tiefen Eindruck bei mir hinterließ.

Im von Max Dax moderierten Gespräch wurde deutlich, dass Levit und ich zwei grundverschiedene Vorstellungen davon haben, was ein politisches Lied ist und sein kann. Levit erzählte begeistert von seinen Aufführungen alter Arbeiterlieder und der tiefen Bewegtheit seines Publikums. Es ging um Solidarität, Gemeinschaft, ein starkes Wir.

Ich hatte mit »We Are Anonymous« etwas anderes versucht: eine musikalische Form der Trauerarbeit – mit den Mitteln elektronischer Musik. Keine Mobilisierung, keine Identitätsstiftung, kein »Wir gegen sie«, sondern das Erschaffen eines Raums für Verlust, Zweifel und Mitgefühl.

Ich misstraue jedem Wir, das sich erst durch die Abgrenzung von anderen bildet. Ein Wir, das sich über Abgrenzung definiert, trägt den Keim des Autoritären bereits in sich – unabhängig davon, ob es sich national, religiös oder sozialistisch nennt. Das Wir, das mich interessiert, entsteht anders. Nicht durch gemeinsame Gegner, sondern durch gemeinsame Menschlichkeit. Nicht durch Identität, sondern durch Empathie.

Max Dax hat diesen Unterschied damals in seinem Porträt über »We Are Anonymous« in der Frankfurter Rundschau beschrieben. Das Werk, schrieb er, »verkneift sich plumpe politische Festlegungen«, »triggert kein Wir-Gefühl an und liefert keine nachgrölbaren Slogans«. Stattdessen sei es von »Trauer und Empathie mit einer aus den Fugen geratenen Welt« getragen. Rückblickend glaube ich, dass er meine Vorstellung vom politischen Lied besser beschrieben hat, als ich es damals selbst gekonnt hätte.

»We Are Anonymous« entstand als Reaktion auf den Irakkrieg und den Beginn eines Zeitalters, in dem unter dem Banner des »Kriegs gegen den Terror« Folter, Drohnenkrieg, Massenüberwachung und der permanente Ausnahmezustand politisch normalisiert wurden. Dieser Krieg verwüstete nicht nur den Nahen Osten und zwang Millionen Menschen zur Flucht. Er veränderte auch unsere westlichen Demokratien. Antiislamische und antisemitische Ressentiments gewannen erneut an gesellschaftlicher Sichtbarkeit, die Snowden-Enthüllungen machten das Ausmaß staatlicher Massenüberwachung sichtbar, und militärische Gewalt jenseits des Völkerrechts erschien vielerorts wieder als legitimes Mittel der Politik.

Der heutige Rechtsextremismus lässt sich daraus allein nicht erklären. Seine Ursachen reichen tiefer. Aber ich glaube, dass Gesellschaften sich verändern, wenn sie sich daran gewöhnen, Menschen in Freund und Feind einzuteilen, Ausnahmen zur Regel werden zu lassen oder Gewalt als normales politisches Mittel zu akzeptieren. Solche Dynamiken finden sich in sehr unterschiedlichen politischen Systemen – in liberalen Demokratien ebenso wie in autoritären Regimen oder religiösen Diktaturen. Überall dort, wo Feindbilder und die Entwertung menschlichen Lebens zur politischen Normalität werden, wächst der Boden, auf dem autoritäre Bewegungen gedeihen. Die Entwicklungen in den USA, die Politik der israelischen Regierung und die erneute Eskalation im Nahen Osten führen uns das gerade schmerzhaft vor Augen.

Deshalb beschäftigt mich die Debatte um Danger Dan und Igor Levit. Nicht weil ich ihre politische Ästhetik teile, sondern weil ihre Diagnose stimmt: Es ist fünf nach zwölf. Rechtsextreme und autoritäre Denkweisen dringen immer weiter in die gesellschaftliche Mitte vor. Und demokratische Kräfte reagieren darauf immer öfter mit der Übernahme rechter Narrative, statt ihnen eine eigene Vision entgegenzusetzen.

Den Grundimpuls von »Keine Angst« teile ich ausdrücklich. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Demokratie braucht Mut und Engagement. Dass der gemeinsame Auftritt von Igor Levit und Danger Dan in »Die Anstalt« nicht ausgestrahlt wurde, halte ich für eine Fehlentscheidung des ZDF. Nicht weil Danger Dan in allem recht hätte, sondern weil wir uns ernsthaft und tief über den richtigen Umgang mit den autoritären Tendenzen in unseren Gesellschaften unterhalten müssen.

An einem Punkt aber trennen sich unsere Wege. Dort, wo das Lied Gewaltfantasien aufruft, endet für mich seine Überzeugungskraft. Nicht, weil Gewalt niemals notwendig ist. Sondern weil demokratische Bewegungen ihre größte Stärke verlieren, wenn sie beginnen, die Sprache oder die Logik ihrer Gegner zu übernehmen.

Autoritäres Denken beginnt dort, wo Mitgefühl selektiv wird. Dort, wo wir um die einen trauern und den Tod der anderen rechtfertigen. Wo Menschen nicht mehr als Menschen erscheinen, sondern nur noch als Kategorien. Faschismus ist die radikalste Ausprägung dieser Sichtweise – aber nicht ihr Anfang.

Darum glaube ich, dass Antifaschismus mehr sein muss als Widerstand. Er muss eine andere Kultur hervorbringen. Räume, in denen Menschen einander begegnen, statt sich als Gegner wahrzunehmen. Räume, in denen Kunst, Gespräch und gemeinsames Handeln wichtiger sind als Lagerdenken. Gesprächsräume, wie Max Dax sie geschaffen hat. Räume, wie wir sie im Lovelab zu schaffen versuchen.

Das politische Lied, so wie ich es verstehe, ist eine Verteidigung der Empathie. Darum kommt es ohne Feinde aus. Es erinnert daran, dass vieles, was wir in die Welt tragen, zu uns zurückkehrt.

Als ich »We Are Anonymous« veröffentlichte, übernahm ich einen Satz aus einem Video des Hacker-Kollektivs Anonymous und machte ihn zur Leitidee des Projekts:

»Verständnis bringt Verständnis. Wahrheit bringt Wahrheit. Liebe bringt Liebe. Was bringen wir?«

»We Are Anonymous« – Link zum Video in den Kommentaren

Foto: Benjamin Biel (icke damals noch mit Hut und Sonnenbrille als Robert Defcon)