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»Jetzt kommt die Einheit«

35 Jahre Mauerfall

First published on 09.11.2024.

Heute vor 35 Jahren erfuhr ich morgens am Frühstückstisch von meiner Mutter, dass die Berliner Mauer gefallen war. „Dein Bruder Peter war schon die ganze Nacht drüben“ – in Ost-Berlin.

Seit 1988 hatte ich alle verfügbaren Nachrichten über die Bürgerrechtsbewegung im Osten aufmerksam verfolgt. Wenige Tage zuvor war ich aus West-Berlin eingereist, um an der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz teilzunehmen, natürlich ohne meine Eltern über meine Absichten aufzuklären. Nun war die Mauer Geschichte. Ich weinte.

Doch zuerst ging es in die Schule. Mein Vater gab mir noch einen Satz mit auf den Weg: „Jetzt kommt die Einheit.“ Seine Worte ließen mich ratlos und auch etwas zornig zurück. Ich sympathisierte mit den Demokratiezielen der Bürgerrechtler, nicht mit der Vorstellung, dass der größere deutsche Staat den kleineren schlucken würde.

Im Deutschunterricht stand eine Klassenarbeit an. Das Thema: unsere Gedanken zur deutschen Einigung. Meine Meinung war klar: Aus meiner Sicht sollte eine neue, unabhängige DDR entstehen, die den Namen einer Demokratie verdient. Rückblickend waren diese Vorstellungen unrealistisch. Sie spiegelten wider, dass ich die Gefühle meines Vaters und damit von vielen älteren Deutschen nicht verstand. Was es bedeutete, dass unsere Familie einst durch die Mauer getrennt worden war, verstand ich nicht, zumal er selten davon sprach. Ich war ein Mauer-Kind.

Dennoch frage ich mich heute manchmal, wie sich die Geschichte entwickelt hätte, wenn die DDR ein eigenständiger Staat geblieben wäre. Wäre die kapitalistische Modernisierung in der DDR, Osteuropa und Russland weniger von dubiosen Revolver-Kapitalisten geprägt gewesen? Wäre die geopolitische Lage in Europa heute möglicherweise friedlicher? Doch das bleibt Spekulation.

Nach der Schule machte ich mich auf. Auf dem Weg zum Checkpoint Charlie in Kreuzberg kam mir ein junger Deutschtürke mit einer Deutschlandfahne entgegen, der mich umarmte. Es flossen Tränen des Glücks.

Der Mauerfall war und bleibt der schönste politische Moment meines Lebens. Er hat meinem Leben eine grundlegend neue Richtung gegeben. Ich zog nach Ost-Berlin. Dort begann ein anarchisches Abenteuer, wie man es sich in der heutigen, engen und gentrifizierten Stadt kaum noch vorstellen kann.

Heute, wo Gewaltprediger in aller Welt neue Mauern errichten, erinnere ich mich an den Mauerfall und die friedliche Revolution in der DDR.