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Lovelab Dreamspace Where Dreams Take Form
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Like it’s 1999

25 Jahre No Underground

First published on 04.09.2024.

An einem glühend heißen Mittwoch vor 25 Jahren liefen Markus „Fels“ Fesl und ich zu unserer wöchentlichen Dance-Impro-Session mit Chilly Gonzales und Raz Ohara in der Maria am Ostbahnhof ein. Wir feierten die Release-Party unserer ersten Platte als „No Underground“: Free Transform. Jetzt, ein viertel Jahrhundert später, ist das damals auf Arne Gesemanns Noisolution veröffentlichte Album endlich wieder auf allen digitalen Plattformen erhältlich.

Auf dem Dach der ehemaligen Postbahnhof-Verwaltung, einem zum Club umgenutzten vierstöckigen Gebäude, leuchtete in Neonbuchstaben der Schriftzug „Pop“. Im ersten Stock fand jeden Mittwoch die Flittchen-Bar aus dem Umfeld der legendären Lassie Singers statt. Unten, auf einem abgerockten Sofa am Rand des Dancefloors, spielten wir zu viert als Nightline City Cruisers (NCC), von Raz benannt nach dem Nachtzug der Deutschen Bahn. Bis zum Morgengrauen improvisierten wir vor einem wabernden Saal Tanzwütiger achtstündige Jam-Sessions. Anfangs gab es 200, später 400 Mark Bandgage, hundert pro Nase.

Ein Joint folgte auf den nächsten, während Raz mit seinen Prince-esken Vocals das tanzende Publikum an-croonte, und Gonzales (damals noch unter dem Namen „Wulf“) am Fatar Keyboard mit Classic-Keys-Expander (Rhodes, Hammond, Clavinet) um sein Leben zu spielen schien – einen funky Groove nach dem nächsten aus dem Handgelenk schüttelnd. Als Jünger von P-Funk und Paul McCartney groovte Fels mit grimmiger Miene am Bass. Ich legte dazu Seventies-Beats auf, regelte den Mix (hauptsächlich immer lauter) und schrie von Zeit zu Zeit mit VT-1 tiefer gepitchte Vocals ins Mikro. Die Energie im Raum war elektrisch. Die Cannabinoid-schwangere Euphorie trieb uns ein Jahr lang jeden Mittwoch zu musikalischen Höchstleistungen an. Als gäbe es kein Morgen.

Free Transform ist ein eklektischer Mix aus angejazzten Groovetracks wie sie in den damaligen Wohnzimmerbars liefen, einfachen Popsongs mit Sixties-Zitaten und rudimentärem Hip-Hop – ein Hybrid aus meinen nächtlich bekifften Kompositionen, Stücken von Fels, Gastauftritten von Chilly Gonzales und Sebastian Schoenian sowie Aufnahmen der Philosophen-Band „Wohnung“ bestehend aus Sandra Klein (Keys), Reimund Spitzer (Guitar), Töns Wiethüchter (Drums), Fels und mir – eine der Keimzellen der Berliner Wohnzimmerszene.

Die Wohnzimmerszene mit ihren illegalen Parties in Privatwohnungen wurde in der Presse als kleinteilige und cozy-freundliche Alternative zum technoiden Mainstream gefeiert, doch war sie eher der musikalisch ungezähmte Bastard des Techno, geboren aus demselben anarchischen Lebensgefühl, das den Berliner Underground und die Maria-Sessions prägte; ein lustvoller Gegenentwurf zu der Desillusionierung im Spätkapitalismus der Generation X, die im westdeutschen Diskurs-Pop und der apokalyptischen Pop-Exegese der damaligen Kölner Spex ihren Ausdruck fand. Es war die Zeit, in der Berlin, dank unzähliger Leerstände, niedriger Mieten und weitgehend abwesender Behörden, zur pulsierenden kulturellen Metropole wurde. Während im fernen Westdeutschland der Underground zum Feigenblatt des Mainstreams erklärt wurde, brodelte die Stadt von solchen Distinktionsgesten unbekümmert vor ungezähmter Kreativität.

Und wir waren mittendrin. Die Single „City Boy“, eine Aufnahme der Band Wohnung, lief auf Heavy Rotation bei Fritz und Radio Eins. Im gerade neu eröffneten Berliner MTV-Studio spielten wir live, während unser Trash-Video mit Ecstasy-Schokolade, Gonzales-Cameo und Polizeieinsatz umgehend von der Londoner MTV-Zentrale aus dem Verkehr gezogen wurde. Mit Fels an Gitarre und Bass und mir an Mike, PC und CD-Turntables gingen No Underground schließlich auf eine deutschlandweite Impro-Tour, zuerst mit Gonzales an den Keys – ironischerweise vor komplett leeren Venues -, später mit Johannes „Jojo“ Büld an Moog Prodigy, Rhodes, Hammond und Elektronik. Im Zenit spielten wir im Chemnitzer Atomino vor tausend tanzenden und euphorisch schreienden Menschen ein endloses housiges Danceset, umringt von angefixten Fans, die uns danach bis ins 5-Sterne-Hotel, in dem uns Jan Kummer vom Atomino zwei Suiten gemietet hatte, auf der Spur blieben.

Die während der Tour entstandenen Live-Mitschnitte bildeten die Grundlage für ein Album, das ich nach wie vor als eines der besten betrachte, an denen ich mitgewirkt habe. Ein groovender Mix aus Dance, Electronica, Pop und Hip-Hop, textstark und musikalisch zugleich, voller Tiefe, Lust und Dunkelheit, Verzweiflung und Spiritualität, gekrönt von dem bizarr-suizidalen Musikvideo zu „Donna“ von Oliver Päßler, das wir mit Lia Baron als Hauptdarstellerin illegal auf dem Friedhof an der Prenzlauer Allee drehten. Erst 20 Jahre später folgte das Video zu „Truck Drivin‘ Devil“, einem melancholisch-verträumten Liebeslied für die Ewigkeit – und der einzige deutschsprachige Track von No Underground. Auch dieses Album ist nun unter dem Titel Golden Child wieder auf allen digitalen Portalen erhältlich.

Es war eine wilde, eine produktive Zeit – und der große Durchbruch war zum Greifen nah.