{"id":10422,"date":"2026-09-05T16:47:20","date_gmt":"2026-09-05T14:47:20","guid":{"rendered":"https:\/\/lovelab.berlin\/?p=10422"},"modified":"2026-09-06T17:21:21","modified_gmt":"2026-09-06T15:21:21","slug":"what-does-a-nymph-feel-like","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lovelab.berlin\/en\/wie-fuehlt-sich-eine-nymphe\/","title":{"rendered":"\u00bbHow does a nymph feel?\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Banu Birecikligil malt seit drei\u00dfig Jahren Traumlandschaften, in denen sich Mensch, Tier und Mythos \u00fcberlagern: Menschen begegnen dort Meerjungfrauen, Walen, L\u00f6wen und Katzen, Eidechsen erscheinen ebenso wie Nymphen und Satyrn, und immer wieder tauchen Figurationen der K\u00fcnstlerin selbst auf. Ihre W\u00e4lder, Vegetationen und St\u00e4dte sind dabei weniger reale Orte als Bewusstseinszust\u00e4nde.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Ausgangspunkt dieses Gespr\u00e4chs ist ihre neue Struwwelpeter-Reihe, ab dem 3. Oktober im Lovelab Dreamspace in Berlin zu sehen. Bei ihr wird die Figur zum Bild eines ungl\u00fccklichen Bewusstseins: Schwere, Angst, Ersch\u00f6pfung, Selbstzweifel, das Gef\u00fchl, im eigenen Leben festzustecken. Das schwarze Wasser, das einem im T\u00fcrkischen sprichw\u00f6rtlich in die Beine flie\u00dft, wird zur Metapher daf\u00fcr \u2014 f\u00fcr eine L\u00e4hmung, die im eigenen K\u00f6rper beginnt.<\/em><\/p>\n<p><em>Es ist eine L\u00e4hmung, die auch aus ihren \u00e4lteren Bildern spricht. Kassandra, die alles vorher wei\u00df und der niemand glaubt, tr\u00e4gt abgehackte H\u00e4nde auf dem Kopf. Eine Meerjungfrau vom Berliner Flohmarkt hat statt Armen zwei Dr\u00e4hte. Ein Selbstportr\u00e4t hei\u00dft \u00bbOhnmacht\u00ab. Es ist immer wieder dieselbe Figur: eine Frau, die sieht und wei\u00df \u2014 und trotzdem nicht handeln kann. Dahinter steht die Geschichte unterdr\u00fcckter weiblicher Stimmen: von den Zeichnerinnen des 18. Jahrhunderts, denen nur die botanische Illustration als Gestaltungsmedium offenstand, bis zu Marilyn Monroe, deren Intelligenz erst nach ihrem Tod wahrgenommen wurde.<\/em><\/p>\n<p><em>Von hier aus ist es kein weiter Weg zu den gr\u00f6\u00dferen Fragen. Wer so genau beschreiben kann, wie es sich anf\u00fchlt, im eigenen Bewusstsein festzustecken, fragt irgendwann, wie sich eines anf\u00fchlt, das nicht entfremdet ist. Wie nimmt eine Eidechse die Welt wahr? Eine Katze? Ein Zwischenwesen: ein Satyr, eine Nymphe?<\/em><\/p>\n<p><em>Tim Ra hat Banu Birecikligil in ihrem Atelier in Bodrum besucht.<\/em><\/p>\n<h2>Das schwarze Wasser<\/h2>\n<p><strong>RA<\/strong> Deine neue Serie hat mit dem Struwwelpeter zu tun, unverkennbar durch die langen Fingern\u00e4gel.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Der Struwwelpeter hat sich nie gewaschen, wollte nie die Fingern\u00e4gel schneiden lassen, wurde immer struwweliger. Er hat aufbegehrt und sein Ding gemacht.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Der Struwwelpeter gilt in Deutschland als Manifest der schwarzen P\u00e4dagogik, wie Katharina Rutschky und Alice Miller es nannten. Er steht f\u00fcr eine Form der Erziehung, die \u00fcber Erniedrigung l\u00e4uft. F\u00fcr die schwarze P\u00e4dagogik ist er das Antibild. So, wie das Kind nie werden soll, so ist der Struwwelpeter. Ein abschreckendes Beispiel.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ich hatte ihn seit einer Weile im Kopf. Nicht von der p\u00e4dagogischen Seite her. Ich hatte so ein Gef\u00fchl des Verkommens im eigenen K\u00f6rper oder in der eigenen Seele. Ich hatte eine schwierige Phase, in der ich mich ziemlich schwarz gef\u00fchlt habe. Sehr schwer, bleischwer. Es gab viel Stress, und ich hatte Schilddr\u00fcsenprobleme. Ich konnte nicht schlafen oder wachte mitten in der Nacht panisch auf. Und all diese Schwermut, die auf mir lastete. Daf\u00fcr gibt es eine t\u00fcrkische Metapher: das schwarze Wasser flie\u00dft einem in die Beine. Ich hatte das Gef\u00fchl, das Blut ist wie eine schwarze Fl\u00fcssigkeit, etwas schwer Flie\u00dfendes. Ich f\u00fchlte mich so schwer, und es zog mich nach unten. Und ausweglos \u2014 ich wusste nicht nach vorne, ich wusste nicht zur\u00fcck. Es gab mir dieses Gef\u00fchl des Steckenbleibens.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> War das eine bestimmte Zeit?<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Das war nach der Covid-Zeit. Seit letztem Jahr, seit der Trennung von meinem Partner, f\u00fchle ich mich viel besser. Man hat ja so Phasen im Leben, und solange ich in der Phase stecke, entstehen Bilder in mir. Ideen, die sich mit der Zeit zu einem Symbol kristallisieren und dann zu einem Teil meiner Malerei werden.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Was ist das links und rechts auf der neuen Serie f\u00fcr eine Pflanze?<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Eine, die es hier in der Umgebung gibt. Sie riecht schrecklich nach Verfaultem, sie symbolisiert den Tod, und sie ist giftig. Der Aronstab, <em>Arum dioscoridis<\/em>.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Und diese schwarzen Adern sind die Schwere, von der du erz\u00e4hlt hast.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Genau, das war die Idee. Es hei\u00dft ja in der Esoterik, dass die Seele sich im Blut befindet, durch den K\u00f6rper zieht und sich im Herzen sammelt. Und diese Schwermut hat sich wirklich so angef\u00fchlt, als w\u00e4re das rote oder blaue Blut schwarz und schwer geworden wie Blei. Das hat mich auch an die Pechmarie erinnert. Dieses schwarze, schwere Blut, die Fl\u00fcssigkeit, die wie Pech herunterflie\u00dft und sich in einem Teich sammelt.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Einige Wochen, bevor ich mich von meiner damaligen Partnerin getrennt habe, waren wir verreist. In der Nacht habe ich getr\u00e4umt, wie ich mich selbst vergifte, wie mir eine schwarze Fl\u00fcssigkeit durch die Adern l\u00e4uft. Das ist genau das Gift, das ich in deinen Struwwelpeter-Bildern sehe.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Das ist krass.<\/p>\n<h2>\u00bbIch finde Sprache zu direkt\u00ab<\/h2>\n<p><strong>RA<\/strong> Deine Bilder haben immer etwas von Traumlandschaften. Mit zahlreichen symbolisch wirkenden Tieren und Personen. Man sieht sofort: Das ist eine Innenwelt, die man von au\u00dfen betrachten darf.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ich male oft Figuren in Landschaften, eigentlich der Seelenlandschaft. Der Wald war f\u00fcr mich immer ein symbolisches Bild, auch im Zusammenhang mit M\u00e4rchen. Mir ging es schon immer um die Innenwelt und darum, eine Sprache zu entwickeln, um sie zu erl\u00e4utern. Meine Sprache besteht aus Bildern, weil ich das Geschriebene, das Gesprochene, zu direkt finde. Ich finde es schwierig, etwas so pr\u00e4zise festzulegen, weil ich oft das Gef\u00fchl habe, dass durch diese Festlegung alles seinen Sinn verliert.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Sprache macht oft Sachen eindeutig, die eigentlich mehrdeutig sein wollen. Es gibt eine Art zu sprechen, die die Dinge festnagelt: Das ist oben, das ist unten, diese Schublade, jene Schublade. Und dann ist man in der Enge, in der man nicht mehr sch\u00f6pferisch sein kann, weil man die ganze Zeit \u00fcberlegt, in welcher Schublade man gerade steckt.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Wenn ich gut darin w\u00e4re, mich mit Worten auszudr\u00fccken, w\u00fcrde ich es vielleicht mit Poesie machen. Die Poesie hat etwas Offenes, Vieldeutiges. Immer, wenn ich versuche, etwas zu erkl\u00e4ren, werde ich didaktisch, und das engt mich selber ein. Die Bilder dagegen kommen in ganz verschiedenen Formen: in Tr\u00e4umen, in Visionen, in Symbolen und Metaphern. Es ist eine Art Puzzle, wo ich am Anfang noch im Nebel stecke und mir irgendwo etwas herausgreife, um mich daran zu klammern. Manchmal wei\u00df ich gar nicht, was mich angezogen hat. Und hinterher merke ich, dass ich um dieses eine Symbol herum viel von mir selber sehen kann \u2014 und vom kollektiven Unterbewusstsein, ohne dass ich versucht h\u00e4tte, etwas auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Das klingt wie eine Forschungsarbeit.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Es formt sich mit der Zeit eine eigene Mythologie. Man muss die Symbole ja nicht so benutzen, wie sie im kollektiven Unterbewusstsein definiert wurden. In jeder Kultur, in jedem einzelnen Menschen wachsen eigene Bilder heran, mit den Assoziationen, die man zur eigenen Geschichte hat. Ich hatte das Gl\u00fcck \u2014 was ich in meiner Kindheit vielleicht nicht so empfunden habe \u2014, zwischen den Kulturen aufzuwachsen. Eine Synthese zusammenbringen zu k\u00f6nnen, ohne mich an eine bestimmte Kultur anh\u00e4ngen zu m\u00fcssen. Das gibt einem die Freiheit und einen reichhaltigen Pool, mit dem man arbeiten und den man mit der eigenen Symbolik verbinden kann.<\/p>\n<h2>Auf Papier<\/h2>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-birecikligil-atelier.jpg\" alt=\"Banu Birecikligil mit ihrer schwarzen Katze im Atelier, im Hintergrund zwei gro\u00dfformatige Arbeiten\" \/><figcaption>Banu Birecikligil in ihrem Atelier in Bodrum<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>RA<\/strong> In welchem Stadium befindet sich das Struwwelpeter-Bild? Ist es eine Skizze, oder schon nah an dem, was entstehen soll?<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ich arbeite gew\u00f6hnlich auf Leinwand, und \u00d6l ist eine ganz andere Arbeitsweise. Du malst, du \u00fcbermalst, du machst was weg, du f\u00fcgst was hinzu. F\u00fcr den Struwwelpeter wollte ich auf Papier arbeiten, und da musst du die Transparenz einrechnen, du kannst nicht so gut \u00fcbermalen. Es wird alles zeichnerischer, bedachter, ein bisschen illustrativ.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Eine neue Herangehensweise.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ich dachte an die Illustratorinnen des 17., 18. und 19. Jahrhunderts. Frauen, die malerisch und wissenschaftlich begabt waren, hatten ja nicht viele Genres, in denen sie sich ausdr\u00fccken konnten. Viele haben Insekten- und Botanikbilder gemacht, wissenschaftlich korrekte Malereien, Zeichnungen, Drucke. Das war ein Bereich, wo sie sich gesellschaftlich einordnen und etwas Sch\u00f6pferisches machen konnten. Und es gibt ganz viele, die gro\u00dfartige Werke geschaffen haben. Ich wollte mich da hineinf\u00fchlen \u2014 die Pflanze wirklich zeichnerisch und ein bisschen wissenschaftlich angehen. Was ich normalerweise nicht mache, ich mag es eher fl\u00e4chenhaft und naiv.<\/p>\n<p>Mein Vater war Arzt und Chirurg. Ich habe seine ganzen chirurgischen B\u00fccher und Bildb\u00e4nde noch, und daraus habe ich diese Zeichnungen gemacht. Die Pflanze hier rechts hat einen Augapfel. Das ist keine Blume, das ist ein seziertes Auge, eine medizinische Zeichnung. Das Auge habe ich oft verwendet, als Auge mit Fl\u00fcgeln wie ein Seraphim-Engel oder als Eidechse mit Augenkopf. F\u00fcr mich ist es das Symbol f\u00fcr das h\u00f6here Bewusstsein.<\/p>\n<p>Der Hintergrund kommt noch. Und ich denke, dass ich noch Insekten und Eidechsen hinzuf\u00fcgen werde. Aber wenn ich mir klassische illustratorische Eidechsen anschaue, ist mir das zu nachgeahmt. Vielleicht werden es Insekten mit Gesichtern oder Eidechsen mit Augenk\u00f6pfen, was ich fr\u00fcher schon benutzt habe. Ich werde da noch meine eigenen mythologischen Kreaturen einarbeiten.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Es ist ein Triptychon.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ja, aber sie sollen jeweils f\u00fcr sich stehen k\u00f6nnen. Ich verwende kleine Figuren, kleine Geschichten, die das aus dieser wissenschaftlichen Art in meine Welt zur\u00fcckbringen. Ich versuche vorsichtig zu sein, weil alles, was einmal aufs Papier kommt, nicht mehr weggeht. Aber ich habe auch eine Ruhe darin gefunden, langsam zu arbeiten. Mit \u00d6l auf Leinwand ist es f\u00fcr mich eher ein Schlachtfeld \u2014 mit mir und dem Medium. Da denke ich in Schichten und bin nie zufrieden mit der ersten. Auch nicht mit der zweiten, manchmal nicht mit der dritten.<\/p>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-struwwelpeter-1.jpg\" alt=\"Aronstab mit wei\u00dfem Bl\u00fctenkelch vor dunklem Grund, darunter eine helle Hand mit langen Fingern\u00e4geln\" \/><figcaption>\u00bbStruwwelpeter\u00ab, Tafel I | Mischtechnik auf Papier, ca. 100 \u00d7 150 cm | 2026<\/figcaption><\/figure>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-struwwelpeter-2.jpg\" alt=\"Mittlere Tafel der Struwwelpeter-Reihe von Banu Birecikligil\" \/><figcaption>\u00bbStruwwelpeter\u00ab, Tafel II | Mischtechnik auf Papier, ca. 100 \u00d7 150 cm | 2026<\/figcaption><\/figure>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-struwwelpeter-3.jpg\" alt=\"Rechte Tafel der Struwwelpeter-Reihe von Banu Birecikligil\" \/><figcaption>\u00bbStruwwelpeter\u00ab, Tafel III | Mischtechnik auf Papier, ca. 100 \u00d7 150 cm | 2026<\/figcaption><\/figure>\n<h2>Die Hellseherin, der niemand glaubt<\/h2>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-kassandra-2015.jpg\" alt=\"Gem\u00e4lde \u00bbKassandra\u00ab: brennende St\u00e4dte, gefl\u00fcgelte Augen, Tiger und L\u00f6we, abgehackte H\u00e4nde auf dem Kopf der Figur\" \/><figcaption>\u00bbKassandra\u00ab | \u00d6l auf Leinwand, 150 \u00d7 150 cm | 2015<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>RA<\/strong> Gibt es Symbole, die dich \u00fcber die Jahre begleitet haben?<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ich mag es nicht, mich auf spezifische Figuren festzulegen. Ich habe ganz naiv angefangen, meine eigenen Bilder zu finden, und erst im Nachhinein gesehen, dass sie das kollektive Unterbewusstsein auf meine Art ausdr\u00fccken. Aber es gibt schon einige Themen. In meiner vorvorletzten Ausstellung zum Beispiel die Kassandra, die Hellseherin, der niemand glaubt.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> So f\u00fchle ich mich auch manchmal.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Damals habe ich mich genauso gef\u00fchlt. Es ist sch\u00f6n, wie einzelne Sachen zusammenkommen \u2014 das Kassandra-Buch von Christa Wolf, das ich vor Ewigkeiten gelesen habe, kam wieder in mein Ged\u00e4chtnis, und ich dachte: Das hatte ich damals gar nicht richtig verstanden. Dieser Fluch der Hellsichtigkeit, dass dir einfach niemand glaubt. Du siehst das Chaos, du m\u00f6chtest dein Wissen teilen. Das hei\u00dft ja nicht, dass man alles besser wei\u00df, aber dieser Zustand der Ignoranz ringsum\u2026<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Was war damals los? Warum hast du dich ohnm\u00e4chtig gef\u00fchlt?<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ich hatte das Gef\u00fchl v\u00f6lliger Hilflosigkeit, das Gef\u00fchl, nichts unternehmen zu k\u00f6nnen. Auf dem Bild sind St\u00e4dte in Flammen. Dar\u00fcber die Augen des hohen Bewusstseins, wie die Seraphim-Engel dargestellt werden. Und die St\u00e4rke, der Tiger und der L\u00f6we. Aber eben auch die abgehackten H\u00e4nde.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Auf dem Kopf. Krass. Das ist nicht Teil der traditionellen Symbolik, sondern deine eigene Fantasie.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Meine eigene, genau. Aber ich habe mich auf Kassandra bezogen. Ich habe damals nicht direkt daran gedacht, aber diese brennende Stadt k\u00f6nnte ja auch Troja sein, das trotz ihrer Warnungen erobert wird, und alle sterben. Ich konnte damals meine naiven und gut gemeinten Warnungen nicht an einen Mann bringen, und daraufhin ist das, was ich mit ihm in meinem Leben aufbauen wollte, zerbr\u00f6ckelt.<\/p>\n<h2>\u00bbDas ist das Patriarchat\u00ab<\/h2>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-marilyn-monroe-2012.jpg\" alt=\"Gem\u00e4lde \u00bbMarilyn Monroe\u00ab: das Kind vor einem Haus, das in einer leuchtenden Kristallkugel h\u00e4ngt, in karger Landschaft\" \/><figcaption>\u00bbMarilyn Monroe\u00ab | \u00d6l auf Leinwand, 170 \u00d7 180 cm | 2012<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>RA<\/strong> Wir haben davon gesprochen, dass du innere Landschaften visualisierst.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ich lasse das Portr\u00e4t sich selbst kreieren. Meine Vorlage war hier ein Kindheitsbild von Marilyn Monroe, ein Schwarz-Wei\u00df-Foto, wo sie vor ihrem Elternhaus hockt.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Das erkl\u00e4rt die konservative, m\u00e4dcheninternatsm\u00e4\u00dfige Kleidung. Vierziger Jahre wahrscheinlich.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Aus der Zeit. Man sucht sich eine Vorlage ja nicht nur wegen der Haltung des K\u00f6rpers heraus. Dieses Haus, das in einer leuchtenden Kristallkugel h\u00e4ngt, reduziert auf einen kaputten W\u00fcrfel \u2014 die zerbrochene Kindheit verk\u00f6rpert in einer Zauberkugel. Aber es ist kein Portr\u00e4t von ihr, es ist ein Innenbild. Und diese karge Landschaft um sie herum steht f\u00fcr das Gef\u00fchl von Isoliertheit.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Erst in den letzten Jahren ist in der \u00f6ffentlichen Debatte zur Geltung gekommen, wie hochintelligent Marilyn Monroe war. Zu ihren Lebzeiten war das nicht Teil ihres Images, sie war die ein bisschen d\u00fcmmliche blonde Sexbombe.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ich habe damals eine Biografie von ihr gelesen. Ich fand es sehr tragisch, wie sehr sie auf diese Idol- und Sexbomben-Figur reduziert wurde. Sie wollte da rauswachsen, sich wirklich als Schauspielerin zeigen und Respekt bekommen, aber sie konnte aus diesem Zwang einfach nicht ausbrechen.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Diese Reduktion war gesellschaftlich normalisiert worden. Bei vielen weiblichen Idolen dieser Epoche stand das im Vordergrund, und Intelligenz war eher st\u00f6rend. Da f\u00e4llt mir auch Hedy Lamarr ein.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Auch eine Geniefrau, Wissenschaftlerin eigentlich, und immer noch sehr unbekannt. Es ist unglaublich, wie mir im Lauf der Zeit klar geworden ist, wie viele unterdr\u00fcckte weibliche Stimmen es gab. Ich hatte mit sechzehn, siebzehn von unserer Englischlehrerin ein Buch geschenkt bekommen, ein feministisches, das die Geschichte der Frau darstellt. Es war krass, als junge Frau zu sehen, was in unserer Geschichte tats\u00e4chlich los war. Diese gesellschaftliche Rolle, die einem zugedacht wird, ist ja ziemlich verinnerlicht. So verinnerlicht, dass man selbst Schwierigkeiten hat, sich da herauszudenken. Man braucht Zeit, um sich in sich zu emanzipieren, auch als K\u00fcnstlerin. W\u00e4hrend meines Studiums lernten wir: Die meisten K\u00fcnstler sind nun mal M\u00e4nner.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Was ja auch stimmte \u2014 nur die Ursache wird nicht mit ausgesprochen. Dass es unterdr\u00fcckte Stimmen waren, dass es nicht erw\u00fcnscht war, dass Frauen Einfluss haben und eine eigene Stimme. Genau das steckt ja auch in deinem Kassandra-Motiv: die Frau, die alles vorher wei\u00df, und niemand h\u00f6rt ihr zu. Das ist das Patriarchat.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Und dieses Abwerten der Frau als Verr\u00fcckte, als Hysterische. Es ist eine Trag\u00f6die, was viele Frauen durchmachen mussten. Das macht einen w\u00fctend.<\/p>\n<h2>Ein Wal in Istanbul<\/h2>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-landschaft-mit-wal-2005.jpg\" alt=\"Gem\u00e4lde \u00bbLandschaft mit Wal\u00ab: ein riesiger Wal \u00fcber einer Stadtautobahn, davor Vater und Tochter\" \/><figcaption>\u00bbLandschaft mit Wal\u00ab | \u00d6l auf Leinwand, 180 \u00d7 120 cm | 2005<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>BANU<\/strong> Das bin ich und mein Papa, im Naturkundemuseum in London. Wir haben so viele Familienfotos aus der Zeit. Das Bild entstand sp\u00e4ter \u2014 es ist eines der ersten, die ich gemalt habe, als ich aus Berlin nach Istanbul zur\u00fcckgezogen bin. Eine Stadtlandschaft, gemischt mit Erinnerungslandschaft und Gef\u00fchlen von Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Es sind keine Londoner Busse.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Nein, Istanbuler. Und das ist eine t\u00fcrkische Autobahn. Nur der Wal stammt aus dem Naturkundemuseum. Ich bin damals in der Peripherie von Istanbul herumgelaufen und habe die Stadt fotografiert, die vor zwanzig Jahren zunehmend gr\u00f6\u00dfer wurde. Man gew\u00f6hnt sich im Lauf der Zeit daran \u2014 nein, man gew\u00f6hnt sich nicht daran, aber irgendwann\u2026<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Man nimmt es nicht mehr wahr.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Man m\u00f6chte es nicht mehr wahrnehmen. Damals hatte ich noch das Auge von au\u00dfen. Zehn Jahre in Berlin \u2014 und dann die Frage, was die Heimatstadt eigentlich ist, was sie geworden ist, und nicht mehr dieses alte Bild, das ich aus meiner Jugend hatte. Dieses Displacement des Wals mitten in der Stadt, dieses Hineingesetztsein, das dr\u00fcckt etwas aus.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Und was repr\u00e4sentiert der Wal?<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Das Urwissen vielleicht. Der Wal gibt mir das Gef\u00fchl von arkanem Urwissen, das uns heutzutage nicht sehr zug\u00e4nglich ist. \u00c4hnlich wie das Krokodil in manchen meiner Bilder. \u2014 Hilf mir mal bei einem Wort: <em>displacement<\/em>.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Verlorenheit ist ein Aspekt davon. Am falschen Ort sein. In Deutschland hie\u00dfen die Camps nach dem Krieg DP-Camps, f\u00fcr <em>displaced persons<\/em>.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> <em>Displaced<\/em> ist das Wort, das ich f\u00fcr diese Empfindung w\u00e4hlen w\u00fcrde. Auf Deutsch gibt es nur so komische Worte wie \u00bbHeimatvertriebene\u00ab.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Entwurzelung ist ein weiterer Aspekt davon.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ja, oder dieses Br\u00fcchige. Dieses Gef\u00fchl einer Figur an einem Ort, die eigentlich nicht dazugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Du siehst auf dem Bild ein bisschen zornig aus, mit den H\u00e4nden in der Hose.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ich hatte damals einen rot-blauen Pullover. Da stand drauf: <em>my name is nobody<\/em>. Das habe ich nicht mit auf das Bild gemalt. Und ich glaube, so habe ich mich einfach gef\u00fchlt. Dabei liebte ich dieses Naturkundemuseum. Meiner Erinnerung nach habe ich mich da sehr wohl gef\u00fchlt. Aber ich hatte tats\u00e4chlich diesen skeptischen Gesichtsausdruck. Vielleicht eher so: Was machen wir jetzt mit diesem Wal hier in dieser Stadt? Wieso sind wir auf einmal hier gelandet? So hingebeamt.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Wo wart ihr in Deutschland zu Hause?<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> In der N\u00e4he von Kassel, ein kleiner Ort, Eschwege. Da bin ich aufgewachsen. Auf einem anderen Bild sitzen wir dort im Garten \u2014 da kann es sein, dass ich ein bisschen w\u00fctend auf meinen Vater war. Da habe ich sein Gesicht nicht gemalt.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Warum w\u00fctend?<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ich bin nicht mehr w\u00fctend auf ihn. Aber nach dem Umzug in die T\u00fcrkei, als ich zw\u00f6lf war, durfte er zwei, drei Jahre nicht arbeiten, weil seine Ausbildung nicht anerkannt wurde. Das hat ihn total krank gemacht. Wir hatten finanzielle Schwierigkeiten. Es war sowieso nach dem Putsch 1980 eine schwierige Zeit. Mein Vater wurde immer verschlossener und aggressiver und trauriger, und dieses Gef\u00fchl hat sich auf meine Pubert\u00e4t gelegt. Die Achtziger waren ziemlich depressiv f\u00fcr unsere Familie.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Wieso wollte er ausgerechnet in dieser Zeit zur\u00fcck in die T\u00fcrkei?<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Es war einfach das Heimweh, sie hatten schon zehn Jahre in Deutschland verbracht. Im Nachhinein \u2014 vielleicht w\u00e4ren wir gl\u00fccklicher gewesen, wenn wir geblieben w\u00e4ren. Aber das wei\u00df man ja nicht. Ich bin eigentlich sehr froh, als Jugendliche in Istanbul gro\u00df geworden zu sein. Es war nicht einfach, sich kulturell wieder einzuleben, aber es war eine Bereicherung.<\/p>\n<h2>Die entarmte Meerjungfrau<\/h2>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-lunaparc-2007.jpg\" alt=\"Gem\u00e4lde \u00bbLunaparc\u00ab: ein kopfloser Meerjungfrauentorso mit Drahtarmen liegt in einer Modelleisenbahn-Landschaft mit Bergen\" \/><figcaption>\u00bbLunaparc\u00ab | \u00d6l auf Leinwand, 160 \u00d7 120 cm | 2007<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>BANU<\/strong> \u00bbLunaparc\u00ab ist eins meiner Lieblingsbilder. Diese Meerjungfrau mit den Drahtarmen, ohne Kopf \u2014 eine kleine Figur, die ich auf dem Berliner Flohmarkt gefunden habe, vermutlich aus der DDR. Ich wei\u00df gar nicht, wieso die keine richtigen Arme hatte, das war wohl zum Aufh\u00e4ngen. Aber sehr grotesk und sehr surreal. Und wieder dieses <em>Displaced<\/em>-Sein. Die beiden Bilder sind zur selben Zeit entstanden.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Und wieder ein Meereswesen.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Die Meerjungfrau hat ja auch ihre eigene Mythologie. Durch diese Figur kam mir damals die Idee, entarmte Skulpturen zu machen \u2014 ein paar Jahre sp\u00e4ter. Das Gef\u00fchl der Handlungsunf\u00e4higkeit. Und dieses Blut, das an ihren Gelenken heruntertropft\u2026<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Die Meerjungfrau gilt als ein feministisches Symbol, weil es eine starke Figur ist. Auch als Sirene, die M\u00e4nner in den Tod lockt, ist sie sinnbildlich f\u00fcr die Macht von Frauen \u00fcber M\u00e4nner. Bei dir ist es umgekehrt. Sie ist entm\u00e4chtigt.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Das ist genau dieser Zwiespalt: das Machtgef\u00fchl und das Entm\u00e4chtigtsein, das Nicht-handeln-K\u00f6nnen, das Sich-bet\u00e4ubt-F\u00fchlen. Das ist auch wieder eine Art von Kassandra.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Auf einer anderen Ebene. In diesem Fall sind es die Arme, die nichts k\u00f6nnen. Der Kopf fehlt auch.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Sp\u00e4ter habe ich noch ein Bild gemalt, eine kleine Meerjungfrau auf einer Felsenklippe, st\u00fcrmisches Meer, ohne Kopf. Irgendwie skurril, aber mir gefallen solche Details. Ich habe ja auch keine Meere von Blut gemalt, sondern nur diese kleinen symbolischen Bruchstellen an den Gelenken mit kleinen Tropfen Blut.<\/p>\n<p>Um sie herum f\u00e4hrt eine Eisenbahnlinie eine Runde. Im hinteren Teil der Landschaft steht das Haus, wo ich und meine Schwester mit unseren Eltern in Eschwege gelebt haben \u2014 und vorne Geb\u00e4ude aus einer Stadtlandschaft, inspiriert von der Istanbuler Peripherie. Meine Schwester und ich fahren beide in so einem kleinen Kinderspielplatz-Eisenbahnwaggon. Und diese aufgeschnittene Erde mit den Wurzeln, als w\u00e4re es ein St\u00fcck herausgerissener Landschaft.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Als h\u00e4tte man das St\u00fcck Landschaft herausgeholt und woanders hingestellt. Wie bei Modelleisenbahnen, diese Platten.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Genau, eine Modelleisenbahn-Landschaft, die aber ihre Wurzeln hat. Auf einem anderen Bild, das \u00bbDas Ende der Welt\u00ab hie\u00df, habe ich wieder so eine herausgeschnittene Landschaft im Vordergrund, wo man die Wurzeln sieht und wo eine Frauenfigur in der Luft h\u00e4ngt, sich wom\u00f6glich hinunterst\u00fcrzt. Dieses Gef\u00fchl des Abgeschnittenen.<\/p>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-das-ende-der-welt-2009.jpg\" alt=\"Gem\u00e4lde \u00bbDas Ende der Welt\u00ab: herausgeschnittene Landschaft mit sichtbaren Wurzeln, dar\u00fcber eine in der Luft h\u00e4ngende Frauenfigur\" \/><figcaption>\u00bbDas Ende der Welt\u00ab | \u00d6l auf Leinwand, 200 \u00d7 155 cm | 2009<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>[sp\u00e4ter, beim Durchbl\u00e4ttern der Kataloge]<\/em><\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Und das hier. Das habe ich \u00bbOhnmacht\u00ab genannt.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Und das bist du selbst.<\/p>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-ohnmacht-2011.jpg\" alt=\"Gem\u00e4lde \u00bbOhnmacht\u00ab von Banu Birecikligil, Selbstdarstellung der K\u00fcnstlerin\" \/><figcaption>\u00bbOhnmacht\u00ab | \u00d6l auf Leinwand, 155 \u00d7 225 cm | 2011<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ja. Es ist eins der wenigen Bilder, wo ich mich wirklich gemalt habe. Ich hatte eine Fotoserie von mir gemacht, mit Selbstausl\u00f6ser.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Es sind bei deinen Bildern einige dabei, die nach dir aussehen.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Sie sehen nach mir aus, aber sonst male ich mich nicht ab.<\/p>\n<h2>Der Traum der Eidechse<\/h2>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-der-traum-der-eidechse-2020.jpg\" alt=\"Gem\u00e4lde \u00bbDer Traum der Eidechse\u00ab: eine dystopische Stadt schwebt wie ein Raumschiff \u00fcber fliehenden Menschen\" \/><figcaption>\u00bbDer Traum der Eidechse\u00ab | \u00d6l auf Leinwand, 175 \u00d7 135 cm | 2020<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>BANU<\/strong> \u00bbDer Traum der Eidechse\u00ab entstand 2020. Ich hatte es vor der Covid-Zeit angefangen, aber es hat sich \u00fcberschnitten, ich habe es w\u00e4hrenddessen zu Ende gemalt. Und es ist schon merkw\u00fcrdig, wie sich die Pandemie mit dem Bild \u00fcberlappt hat. Wie eine Vorahnung. Was man hier sieht, ist eine Art dystopische Stadt, die dahergeschwebt kommt wie ein Raumschiff, pl\u00f6tzlich am Himmel erscheint, und alles rennt panisch weg.<\/p>\n<p>Das Bild basiert auf einem Traum. Ich bin in der Stadt, pl\u00f6tzlich bebt die Erde, und eine ganze Flotte von Raumschiffen kommt vom Horizont hergeflogen, und alle rennen chaotisch kreuz und quer. Ich merke, wie es wie bei einem Erdbeben immer heftiger sch\u00fcttelt und die Erde immer hei\u00dfer wird. Und pl\u00f6tzlich sehe ich ein Terrarium mit Eidechsen, das sich von unten erhitzt. Und die Eidechsen k\u00f6nnen nicht entkommen und verkommen.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Ein Albtraum.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ja. Er war ziemlich echt. Ich habe den Traum sehr intensiv erlebt. Es ist eigentlich ein Bild \u00fcber au\u00dferirdische Intelligenz vielleicht, keine Ahnung. Irgendetwas ist da sicherlich. Und ich hatte ja damals bei der Kassandra schon diese Engelsaugen, die ich hier wieder benutzt habe, mit den Eidechsen. Das innere Auge oder das h\u00f6here Bewusstsein.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Es ist erst in den letzten Jahren wissenschaftlicher Konsens geworden, dass andere Lebensformen Bewusstsein haben. Das hat Jahrhunderte gedauert, was ich erstaunlich finde, weil es so auf der Hand liegt. Descartes hatte ja diese Vorstellung, dass Tiere wie Maschinen sind. Und dann hat es vierhundert Jahre gedauert, bis Wissenschaftler Experimente entwickelt haben, die das Gegenteil beweisen \u2014 und erst durch den Beweis wird es akzeptiert. F\u00fcr mich ist es evident: Ich muss einer Katze nur in die Augen schauen.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ich kann mir diese brutale Engstirnigkeit nicht vorstellen \u2014 damals auch andere Menschen als Nichtmenschen zu sehen und zu behandeln.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Die v\u00f6llige Empathielosigkeit.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Total psychopathisch. Und ich finde, dass unsere Gesellschaft sehr psychopathische Z\u00fcge hat. Man kann doch sehen, dass ein Tier Gef\u00fchle hat, man kann es sp\u00fcren.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Es ist eine Herrschaftsideologie. Wenn man so denkt, kann man mit anderen Lebewesen alles machen.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Manche Menschen k\u00f6nnen sich nur das vorstellen, was Menschen erfunden haben. Zu Descartes&#8216; Zeiten kannte man Mechanismen, heute kennt man Computer. Deswegen wird Intelligenz heute mit Computern verglichen. Das ist verst\u00e4ndlich, aber es wird der Realit\u00e4t nicht gerecht. Je mehr wir lernen, desto komplexer werden die Analogien. Doch man muss sich dessen bewusst sein, dass wir nur so weit denken k\u00f6nnen, und dass wir in zweihundert, f\u00fcnfhundert Jahren weiterdenken werden. Und immer mehr Geist erkennen werden. Wir werden erkennen, dass wir das, was wir nicht verstehen, nicht immer ausschlie\u00dfen m\u00fcssen, so wie wir einst die Tiere als geistlos, als gef\u00fchllos, als bewusstseinslos klassifiziert haben.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Und heute bekommen sogar Tiere und Fl\u00fcsse Rechte.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Das ist toll.<\/p>\n<h2>Der n\u00e4chtliche Spaziergang<\/h2>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lovelab.berlin\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/banu-der-naechtliche-spaziergang-2020.jpg\" alt=\"Gem\u00e4lde \u00bbDer n\u00e4chtliche Spaziergang\u00ab: ein Zwischenwesen mit t\u00fcrkisfarbenem Haar \u00fcber einem n\u00e4chtlichen Garten, daneben ein leuchtendes Haus\" \/><figcaption>\u00bbDer n\u00e4chtliche Spaziergang\u00ab | \u00d6l auf Leinwand, 150 \u00d7 100 cm | 2020<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>BANU<\/strong> Das ist ein Bild von einem Satyr auf einem n\u00e4chtlichen Spaziergang. So hei\u00dft es auch. Und das Haus steht f\u00fcr das Innerste.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> In einem sehr strahlenden Sinne.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Ja, als Licht ausstrahlend. Das ist der Versuch, das andere Bewusstsein zu erforschen. Wie du vorhin sagtest: Wenn du in die Augen einer Katze guckst, dann siehst du da ein Bewusstsein. Ich frage mich, wie Tiere die Welt wahrnehmen und wie sie f\u00fchlen und denken. Und diese ganze mythologische Welt der Zwischenkreaturen, zwischen Mensch und Tier \u2014 also zwischen diesem urarchaischen Bewusstsein und unserem abgespaltenen, so wie wir heutzutage leben, abgespalten von all diesen Naturkr\u00e4ften.<\/p>\n<p><strong>RA<\/strong> Ich glaube, man kann sich gut in eine Katze hineinversetzen. Das wei\u00dft du als jemand, der mit Katzen lebt, besser als ich. Dass man mitf\u00fchlen kann, um zu verstehen, wie sie die Welt wahrnimmt. Ich glaube nicht, dass wir komplett davon ausgeschlossen sind. Ich sehe es auch bei meinem kleinen Sohn, der die ganze Zeit als Katze heruml\u00e4uft. Nicht, dass das genauso ist, wie die Katze empfindet \u2014 aber Bewusstsein kann sich miteinander verbinden. Und in dieser Verbindung lernt man voneinander.<\/p>\n<p><strong>BANU<\/strong> Aber ich frage mich schon, wie das w\u00e4re. Wie sich das anf\u00fchlt, eine Nymphe zu sein oder ein Satyr. Oder dieses Wilde, im Wilden zu leben. Diese Wildnis in sich zu tragen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Die Ausstellung mit Arbeiten von Banu Birecikligil ist ab dem 3. Oktober 2026 im <a href=\"\/dreamspace\/\">Lovelab Dreamspace<\/a> zu sehen, Pappelallee 25, 10437 Berlin. Wer den n\u00e4chsten Traum nicht verpassen will: <a href=\"\/newsletter\/\">dem Traum beitreten<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The painter Banu Birecikligil on the black water that flows into one's legs, on Cassandra with chopped-off hands \u2014 and on the question of what an unalienated consciousness feels like.<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":10420,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-10422","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-texte"],"aioseo_notices":[],"aioseo_head":"\n\t\t<!-- All in One SEO 5.0.1.1 - aioseo.com -->\n\t<meta name=\"description\" content=\"Die Malerin Banu Birecikligil \u00fcber innere Landschaften, unterdr\u00fcckte weibliche Stimmen und das Bewusstsein der Tiere. Ab 3. 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